Herr Zaimoglu, Sie haben türkische Wurzeln, Sie sind Muslim und haben einen viel beachteten Roman über Martin Luther geschrieben. Halten Sie es für einen Skandal, dass die Hagia Sophia in Istanbul vom Museum zur Moschee wird?
Die Aufgeregtheit darüber finde ich übertrieben. Viele säkular gestimmte Menschen entdecken plötzlich ihr Herz für die Christenheit. Sie sollten sich aber bitte schön auch engagieren, wenn es um tiefere Glaubensfragen geht.

Feridun Zaimoglu
Heisst das, dass Sie die Umwandlung gut finden?
Ich begrüsse, wenn in einem Gotteshaus wieder ein Gott angebetet wird. Die Hagia Sophia wurde ja schliesslich nicht als Verwahranstalt und Showroom von Kultgegenständen gebaut.
Verkennen Sie nicht, dass der türkische Präsident Erdoğan ein Fanal setzen möchte? Er bricht mit dem Laizismus von Atatürk und wählt dazu sehr bewusst eine der einmal wichtigsten Kathedralen des Christentums, die er zur Moschee macht. Motto: Den Christen zeigen wir’s.
Natürlich ist das eine Inszenierung. Es ist aber auch nichts Neues unter der Sonne. Der Protestantismus hat die katholischen Kirchen überschrieben, mit der Gegenreformation ging die Reise wieder zurück. Aus Synagogen und Tempeln wurden Kirchen. Heute werden Kinos und Buchläden daraus, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.
Woher rührt Ihrer Meinung nach die öffentliche Empörung?
Bei so einer Aktion denkt man immer die Eroberung Konstantinopels mit, den Aufstieg des Osmanischen Reichs. Die alten Geschichten von Freund- und Feindschaften stehen wieder im Raum. Gute und schlechte Gefühle kommen wieder hoch. Komischerweise reden gläubige Menschen eher unaufgeregt über solche Angelegenheiten, anders als die, die sich sonst gottesfern geben. Je aufgeregter die Debatte, desto mehr geht an Substanz verloren.
Kritik kommt aber auch von Christen, und auch sorgfältig begründete.
Klar können die Christen jetzt fragen: Was passiert hier? Die Hagia Sophia war eine prächtige Kirche, und durch das islamische Bilderverbot wurden diese Mosaike vor Jahrhunderten übertüncht. Genauso könnten aber auch Moslems auf die Moscheen in Granada hinweisen und sich darüber beschweren, dass Bilder auf die Kuppeln der Moschee gemalt wurden. Solche religiösen Überformungen gab es immer wieder. Denken Sie an den Bildersturm militanter Protestanten in der Reformationszeit. Da wurden Marienstatuen zerschlagen und Heiligenbilder zerstört. Mit der Rekatholisierung im Dreissigjährigen Krieg wurden die ursprünglichen Zustände dann gewaltsam wiederhergestellt.
In Paris war es ein Kulturschock, als Notre-Dame brannte. Sogar Atheisten bangten um das Gotteshaus. Warum hängen Menschen so sehr an heiligen Stätten?
Wir sprechen vom Hergebrachten, von steingewordener Geschichte. Aber erstmal werden nun in der Hagia Sophia nicht mehr massenweise Touristen reinlatschen und immerfort Fotos knipsen können. Damit können sich viele Menschen offenbar nicht abfinden. Sie glauben ganz selbstverständlich, dass Freiheit die Freiheit bedeutet, überall herumzustapfen. Dabei gibt es in der Welt doch noch genügend geländegängige Orte.
«Erstmal werden nun in der Hagia Sophia nicht mehr massenweise Touristen reinlatschen und immerfort Fotos knipsen können. Damit können sich viele Menschen offenbar nicht abfinden. Dabei gibt es in der Welt doch noch genügend geländegängige Orte.»
Feridun Zaimoglu
Die Bewahrer des Weltkulturerbes haben aber womöglich noch die islamistischen Zerstörungen der Buddhafiguren von Bamiyan im Sinn oder die Sprengung der antiken Stätte Palmyra. Kann man ihnen da verdenken, dass sie sich um die Hagia Sophia Sorgen machen?
Das ist ja nun wirklich nicht vergleichbar. Aber bei der Bildung von Religionen geht es nicht gerade zimperlich zu. Wer das erste Buch Mose aufschlägt, liest von der Zerstörung heidnischer Stätten. Moses verfügte mit einem Bann, dass alle überlebenden Kanaaniter getötet werden. Das nennt man Vernichtungsweihe. Die monotheistischen Religionen fussen nicht zuletzt auf Gewalt. Heute erleben wir Barbarei bei islamistischen Kopfabschneidern. Aus dem Schwung des Glaubens heraus kann man auch immer Fanatiker in Stellung bringen. Das ist leider so.
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