Kleine Denksportaufgabe für die nächste Warteschlange vor dem Apple-Store kurz vor Weihnachten, oder für die Viertelstunde Lebenszeit, die ein Zürcher Barista durchschnittlich daran verschwendet, einen Cappuccino aus einem röchelnden Kaffeevollautomaten zu würgen. Oder für den Stau vor der Supermarktkasse mit der Kassiererin, während nebenan bei den Selbstbedienungsscannern gähnende Leere herrscht. Was machen die ganzen Menschen hier ? Sie warten, das ist offensichtlich. Doch worauf und warum?
Anders als im Sozialismus (Gott hab’ ihn selig!) erklärt das mangelnde Angebot jedenfalls nicht, warum sich Menschen im Angesicht eines Apfels die Beine in den Bauch stehen. Das MacBook gibt’s online oder bei Media Markt schliesslich schneller als im Store, der Cappuccino vom Barista ist oft genauso wässrig wie der vom Bäcker, und wer mit dem Einkaufswagen vor der menschlich besetzten Kasse ausschert und sein halbes Kilo Hackfleisch selbst scannt, kommt definitiv früher heim. Warum also verhalten wir uns als Konsumenten oft so irrational und warten, wo niemand warten muss, der nicht warten will?
Der Advent ist im Christentum fast wichtiger als der Heilige Abend, das Warten aufs Christkind fast bedeutender als die Geburt des Messias.
Ich wette mit jedem, der es nicht glaubt, um eine Tasse peruanische Hochlandbohne, fair gehandelt: Bei der Schlange vorm Barista geht’s gar nicht ums Koffein, es geht um das Gefühl, ein Luxusprodukt zu erstehen, das einen selbst herausheben soll aus der Masse der Geschmacklosen. Der Preis am Ende des Wartens (in der Regel affig hoch) ist sekundär. Im Zentrum steht die Zeremonie des Zubereitens, die Zeit, die ein Barista braucht, um den Kaffee in eine Tasse zu befördern und mit einem Milchschaumlächeln zu versehen.
Man bewundert das Handwerk, bezahlt es mit Zeit und will beim Bewundern von den anderen Wartenden selbst ein wenig bewundert werden. Ich warte, also bin ich schön, edel und gut. Und weil ein cleverer Barista das weiss, dehnt er die Zeremonie des Zubereitens bis an die Grenze des Erträglichen, versieht sie mit Effekten (Zischen und Dampfen) und garniert das Ganze mit der lässigen Theatralik, die den Künstler unterscheidet vom Lohnsklaven und nur noch damit gesteigert werden könnte, wenn der Barista anfinge zu singen. Grosse Oper eben.
Manche Barista lassen ihre Kunden sogar Nummern ziehen, bevor sie mit der Show beginnen. Der Verkaufstresen wird so zur Bühne. Das Publikum sitzt im Halbrund, sieht andächtig zu und wartet darauf, den heiligen Kaffeegral überreicht zu bekommen. Und der Kaffee ist natürlich grossartig, weil er nach dem ganzen Zinnober einfach grossartig sein muss.
Man kennt das Prinzip von Tantra und vom Christentum: Die Erfüllungsverzögerung steigert die Erfüllung ins Himmlische, wo sie sich verliert. So ist der Advent im Christentum fast wichtiger als der Heilige Abend, das Warten aufs Christkind fast bedeutender als die Geburt des Messias. Der magische Kapitalismus überträgt die religiöse Lustkontrolle aufs Profane, eine Tasse Kaffee, einen Burger, den perfekten Haarschnitt, den stylischen Rechner, der den User vermeintlich erst zum Menschen macht.
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