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Freitag, 22. Juni 2018

Knapp 240 000 Beduinen leben in Israel, die meisten im Negevgebiet. Sie zählen zur arabisch-muslimischen Minderheit des Landes, sprechen jedoch ihren eigenen Dialekt, heiraten meist innerhalb ihres Clans und leben weitgehend isoliert von der Mehrheitsgesellschaft. Einst ein Volk von Nomaden, begannen die Beduinen erst Ende des 19. Jahrhunderts, sesshaft zu werden, ein Prozess, den der israelische Staat später mit Städtebau und Umsiedlung vorantrieb. In der sozioökonomischen Hierarchie des Landes stehen sie ganz unten, haben die höchsten Armuts-, Arbeitslosen- und Schulabbrecherquoten. Und geschätzt 30 bis 50 Prozent der Erwachsenen leben in polygamen Ehen – gegen israelisches Gesetz. Es ist verlockend, die Vielehe als archaische Tradition zu beschreiben, die mit Urbanisierung und Bildung von selbst verschwinde. Doch so ist es nicht. Jamila H. lebt in Rahat, Israels grösster Beduinenstadt.

 

«Mein Vater warnte mich: ‹Der kommt aus einer Familie, in der alle Männer mehrere Frauen heiraten.›» Jamila H.

Als erste von elf Geschwistern legte sie das Abitur ab und studierte Literaturwissenschaften. Anstatt ihren Cousin zu heiraten, wie ihre Eltern es forderten, gab sie mit 21 Jahren dem Werben eines 27jährigen Psychologen nach. «Mein Vater warnte mich: Der kommt aus einer Familie, in der alle Männer mehrere Frauen heiraten», erinnert sie sich. «Ich sagte: Er nicht, er hat doch studiert!»

Ein Trugschluss. Die Häufigkeit polygamer Ehen ist weder gekoppelt an das Bildungsniveau noch an Wohnort oder Wohlstand der Männer, zeigen Studien. Laut einem Bericht der Knesset, des israelischen Parlaments, scheint die Verbreitung der Polygamie sogar zuzunehmen. Denn zum einen sei die Praxis sozial akzeptiert, weil der Koran die Ehe mit bis zu vier Frauen erlaube; zum anderen erhöhten mehrere Frauen den sozialen Status des Mannes. Die junge Rechtswissenschaftlerin Rawia Abu-Rabia, selbst Beduinin, argumentiert, der Modernisierungsprozess selbst trage zum Anstieg polygamer Ehen bei: Nachdem die Männer ihre Ländereien und Viehherden verloren hätten, sei Polygamie «eine der wenigen Möglichkeiten, mit denen Beduinenmänner im modernen Staat Israel ihre Dominanz ausüben können». Einen Mangel potenzieller Gattinnen müssen die Männer nicht fürchten: Viele nehmen sich Palästinenserinnen aus dem Westjordanland und aus Gaza zur Zweit- oder Drittfrau.

Wie Jamila H. bleiben die meisten Erstfrauen bei ihrem Mann. Die meisten haben nie gearbeitet und fürchten das soziale Stigma einer geschiedenen Frau. Doch viele Frauen leiden. Oft vernachlässige der Mann seine erste Frau und ihre Kinder, sagt die Sozialwissenschaftlerin Sarab Abu-Rabia-Queder von der 22 bref Nº11/ 2018 Ben-Gurion-Universität in Beerscheva – Israels erste Beduinin mit Doktortitel. Jamila H. sieht ihren Mann manchmal wochenlang nicht, weil er sich in der Wohnung der Zweitfrau aufhält. Mehrmals treten ihr Tränen in die Augen, während sie von ihrer Ehe spricht. Studien zeigen, dass viele Frauen in polygamen Ehen unter psychischen Problemen leiden und dass die Männer überdurchschnittlich oft ihre Frauen schlagen.

Nach israelischem Recht kann ein Mann, der mehr als eine Frau heiratet, mit fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Doch es gibt mehrere Wege, das Gesetz zu umgehen. Manche Männer lassen sich von der ersten Frau scheiden, ohne sich tatsächlich zu trennen – und kassieren anschliessend die Sozialhilfe, die die offiziell alleinstehende Mutter erhält. Andere, wie der Ehemann von Jamila H., umgehen staatliche Stellen, indem sie ihre zweite Frau privat vor zwei Zeugen heiraten, wie es der Islam erlaubt. Lange Zeit tolerierten die Autoritäten diesen massenhaften Rechtsbruch. Wegen jahrzehntealter Konflikte um Landbesitz ist die Beziehung zwischen Staat und Beduinen ohnehin gespannt. Um die Minderheit nicht zusätzlich aufzuwiegeln, vermied der Staat es, sich in die sensiblen Familienverhältnisse einzumischen. So weit geht die Toleranz, dass selbst der Knesset-Abgeordnete Taleb Abu Arar zwei Frauen haben kann, ohne öffentliche Empörung oder gar Sanktionen fürchten zu müssen.

bref+

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