

Ein Ort des Zwischenstadiums, noch am Entstehen und doch schon Ruine: Das Theater in Gibellina Nuova. (Bilder: Michaela Sattler)
Staunend fahren wir unter der grossen sternförmigen Betonskulptur hindurch, die sich eingangs der sizilianischen Stadt Gibellina Nuova als Zugangstor über die Autobahn spannt.
Der Name, zu Deutsch «Neues Gibellina», lässt ahnen, dass es ein «Altes Gibellina» gibt oder – in diesem Fall – gab. Im August 1968 wird die Stadt Gibellina im Landesinneren Siziliens von einem starken Erdbeben komplett zerstört. Ein Jahr später lanciert der neugewählte Bürgermeister Ludovico Corrao ein utopisches Grossprojekt, das sich zu einer nationalen sowie internationalen avantgardistischen Kunstmetropole entwickeln soll. Kunstschaffende werden eingeladen, um die neue Stadt nicht nur aufzubauen, sondern radikal neu zu denken und zu gestalten.
In dem zukunftsgerichteten Eifer entsteht über Jahrzehnte die Stadt Gibellina Nuova, die sich nun vor uns ausbreitet. Geometrische Skulpturen im öffentlichen Raum, heller Sichtbeton und gewaltige, postmodernistische Bauten prägen das Stadtbild. Schon damals ist die Einwohnerzahl Gibellinas allerdings rückläufig, und die grosszügigen Piazzas wie auch die aufwändige Architektur können ihr soziales Potenzial kaum entfalten. Die Utopie zerbricht zudem an finanziellen Engpässen und an der Kluft zwischen künstlerischem Anspruch und der realen Lebenswelt ihrer Bewohnerinnen und Bewohner.

Der «Cretto di Burri» zeichnet den Strassenverlauf des alten Gibellina nach, das von einem Erdbeben verschüttet worden ist.
Zu den architektonischen Hauptakteuren gehört das unfertige Theater, das in den frühen 1980er-Jahren von Pietro Consagra entworfen wurde und im Zentrum der Stadt steht. Wie vom Bildhauer intendiert, erschliesst sich einem das Gebäude am besten, wenn man es von der Piazza Beuys aus frontal betrachtet.
Consagras Idee der «frontalen Skulptur» soll die hierarchischen Traditionen der Bildhauerei hinterfragen und versucht eine freiere Beziehung zwischen dem Kunstwerk, den Betrachtenden und der Umgebung herzustellen. Nach dieser Theorie entwirft er das Theater, das sich als begehbare Skulptur durch geschwungene Formen und viel Lichteinfall auszeichnet.
Wir schlüpfen durch ein Loch im Zaun in das Innere des Rohbaus und finden uns in einer Struktur wieder, die stark an das Gerippe eines gigantischen Tieres erinnert. Überall liegen Bauteile und Müll herum. Trotz des desolaten Zustands haften dem Gebäude, wie auch dem Rest der Stadt, immer noch die utopische Aura und das Echo des Aufbruchs an. Das Zwischen- stadium dieses Ortes – noch in der Entstehung und gleichzeitig schon Ruine – fasziniert und beeindruckt mich.
Eine halbe Stunde Autofahrt entfernt erstreckt sich der «Cretto di Burri» des italienischen Künstlers Alberto Burri. Dort wo einst das alte Gibellina stand, legt sich jetzt Burris Land-Art-Projekt wie ein Leichentuch über die verschüttete Stadt. Weisse Betonquader bilden die ehemaligen Strassenverläufe nach und verewigen Gibellina als eine Art skulpturale Zeichnung in den umliegenden Hügeln.

Der «Cretto di Burri» ist eine ewige Wunde, die sich in die Landschaft einschreibt.
Das Projekt ist ressourcenintensiv, teuer und aufwändig. Erst im Jahr 2015 wird es komplett fertiggestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. «Cretto» bedeutet so viel wie Riss, Bruch oder Kluft – ein sichtbares Zeugnis des Traumas und eine ewige Wunde, die sich in die Landschaft einschreibt.
Gibellina Nuova beschäftigt mich in ihrer Ambivalenz. Der Ort steckt voller Träume, Fragilität, Theatralik, aber auch Versagen. Er thematisiert für mich auf radikale Weise Vergangenheit und Zukunft sowie Kreativität und Gemeinschaft. Es ist ein Ort des Noch-Werdens.