Tadzio badete. Aschenbach, der ihn aus den Augen verloren hatte, entdeckte seinen Kopf, seinen Arm, mit dem er rudernd ausholte, weit draussen im Meer; denn das Meer mochte flach sein bis weit hinaus. Aber schon schien man besorgt um ihn, schon riefen Frauenstimmen nach ihm von den Hütten, stiessen wiederum diesen Namen aus, der den Strand beinahe wie eine Losung beherrschte und mit seinen weichen Mitlauten, seinem gezogenen u-Ruf am Ende, etwas zugleich Süsses und Wildes hatte: «Tadziu, Tadziu!»
Er kehrte zurück, er lief, das widerstrebende Wasser mit den Beinen zu Schaum schlagend, hintübergeworfenen Kopfes durch die Flut; und zu sehen, wie die lebendige Gestalt, vormännlich hold und herb, mit triefenden Locken und schön wie ein zarter Gott, herkommend aus den Tiefen von Himmel und Meer, dem Elemente entstieg und entrann: dieser Anblick gab mythische Vorstellungen ein, er war wie Dichterkunde von anfänglichen Zeiten, vom Ursprung der Form und von der Geburt der Götter. Aschenbach lauschte mit geschlossenen Augen auf den in seinem Innern antönenden Gesang; und abermals dachte er, dass es hier gut sei und dass er bleiben wolle.
Später lag Tadzio, vom Bade ausruhend, im Sande, gehüllt in sein weisses Laken, das unter der rechten Schulter durchgezogen war, den Kopf auf den blossen Arm gebettet; und auch wenn Aschenbach ihn nicht betrachtete, sondern einige Seiten in seinem Buche las, vergass er fast niemals, dass jener dort lag und dass es ihn nur eine leichte Wendung des Kopfes nach rechts kostete, um das Bewunderungswürdige zu erblicken. Beinahe schien es ihm, als sässe er hier, um den Ruhenden zu behüten –, mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt und dabei doch in beständiger Wachsamkeit für das edle Menschenbild dort zur Rechten, nicht weit von ihm. Und eine väterliche Huld, die gerührte Hinneigung dessen, der sich opfernd im Geiste das Schöne zeugt, zu dem, der die Schönheit hat, erfüllte und bewegte sein Herz.
* Die Novelle «Der Tod in Venedig» gehört zu Thomas Manns berühmtesten Erzählungen. Sie handelt von dem alternden Schriftsteller Gustav von Aschenbach, der eine Reise nach Venedig unternimmt und sich dort in den polnischen Jungen Tadzio verliebt. Die Novelle erschien erstmals 1912. Thomas Mann wurde 1875 geboren. Sein 150. Geburtstag wurde weltweit mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert.