Herr Oesch, wann haben Sie zuletzt Fleisch gegessen?
Martin Oesch: (überlegt lange)
Also nicht eben zum Frühstück?
Nein, ich esse nie Zmorge. Es muss letzte Woche am Schwägalp-Schwingfest gewesen sein. Ein Cervelat.
Keine Bratwurst?
Ich mag Cervelat lieber, da weiss man, was drin ist, das ist ein geschütztes Produkt. Er war von einer Metzgerei aus der Region. Bei der Bratwurst ist es, na ja, ein «Gamble», da kann man auch mal eine schlechte erwischen. Aber wenn ich noch Hunger gehabt hätte, hätte ich natürlich auch noch eine Bratwurst gegessen (lacht).
Mir stösst Cervelat jeweils auf.
Wahrscheinlich wegen des Knoblauchs. Wenn man die Gewürze im Cervelat anschaut, denkt man ein wenig an Curry. Es hat unter anderem Kardamom, Koriander, Muskatnuss und Macis drin.
Wie oft essen Sie Fleisch?
Manchmal monatelang keins, dann wieder häufiger, zum Beispiel, wenn ich bei meinen Eltern bin oder auswärts esse. Oder wenn ich bräteln gehe oder für jemanden koche. Einen Braten oder ein Ragout mache ich sehr gern. Nur für mich selbst kaufe ich kein Fleisch mehr.
Martin Oesch ist in der Nähe von Thun aufgewachsen. Nach einer Lehre als Metzger hat er in Luzern Visuelle Kommunikation studiert und später die Bio-Metzgerei La Boulotte in Bern mitgegründet. Heute ist der 33-Jährige freischaffender Comic-Zeichner und Musiker. Für seinen Erstling «Fleischeslust» erhielt er 2023 das Comic-Stipendium der Deutschschweizer Städte und war 2025 für den Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung nominiert. Oesch lebt und arbeitet in Bern.
«Fleischeslust», Ihre Graphic Novel, wirft einen kritischen Blick auf das Geschäft mit Tieren und Fleisch. Ist das der Grund?
Ich kaufe grundsätzlich nicht bei Grossverteilern ein, weil ich die industrielle Verarbeitung von Nahrungsmitteln nicht unterstützen will. Fleisch besorge ich nur in der Boulotte, das ist eine Bio-Metzgerei in Bern, die ich mitgegründet habe. Aber weil die auf der anderen Seite der Stadt liegt, gibt es bei mir nur ganz selten Fleisch.
«Fleischeslust» handelt von einem Metzger namens Erwin. Kurz vor seiner Pensionierung hinterfragt er seine Arbeit, was auch Eheprobleme mit sich bringt. Wer ist Erwin?
Erwin ist eine fiktionale Figur: innerlich wie äusserlich ein Ergebnis aus verschiedenen Charakteren und Menschen, mit denen ich als Metzger zusammengearbeitet habe.
Und welcher Teil ist von Ihnen?
Erwin plagen Albträume, in denen er sich in einem abgeholzten Wald wiederfindet oder sogar selbst geschlachtet wird. Ich habe es selbst erlebt, dass das Unterbewusstsein schon etwas am Verarbeiten ist und Fragen aufwirft, die das Bewusstsein noch gar nicht stellen kann.

(Bild: © Edition Moderne / Martin Oesch)
Sie haben Metzger gelernt und danach Visuelle Kommunikation studiert: ein ungewöhnlicher Schritt.
Für mich nicht. Ich habe schon immer gezeichnet. Als Einzelkind war das Zeichnen eine gute Art, mich zu beschäftigen.
Nach Ihrem Studium haben Sie wieder als Metzger gearbeitet. Wieso?
Als Illustrator habe ich nie wirklich Geld verdient. Ich zeichne von Hand auf Papier, das ist langsam und ineffizient. Ich habe auch das Gefühl, dass mein Stil weniger gefragt ist. Also bin ich nach dem Studium wieder auf meinen angestammten Beruf zurück. Zunächst arbeitete ich bei einem älteren Metzger, dann kam die Anfrage, ob ich bei der Bio-Metzgerei einsteigen wolle. Das reizte mich.
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