Der ehrliche Klappentext

«Dochtwolle» von Jessica Zuan

Ungeschönt, mit einfachen, kraftvollen Worten schildert die rätoromanische Lyrikerin Jessica Zuan in «Dochtwolle» Szenen aus ihrem Leben. Die Poesie, die anklingt, hallt nach.
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Autorin: Johanna Wedl
Donnerstag, 19. Juni 2025

Eine Warnung vornweg: Dieses Buch kann zu Tränen rühren. Seine schonungslose Offenheit und Intimität gehen unter die Haut. «Alles wie geplant: Dezembernacht, ein langer Flur, das Herz springt», schreibt Jessica Zuan über den Moment, als sie Mutter wird. Und weiter: «Nicht vorhersehbar: eine Lampe auf meine gespreizten Beine.»

Nachdrücklich und ohne ein Wort zu viel bringt die rätoromanische Lyrikerin, die im Oberengadin aufgewachsen ist und seit 17 Jahren in Barcelona lebt, ihre Gedanken zu Papier. In «Nessun Dorma» zählt Zuan die Tage vom März bis im Mai 2020, als in ganz Spanien während der Coronapandemie rigide Regeln galten.

«Tag eins Tag zwei Tag drei guten Tag ein guter Tag ein schöner Tag von einem Tag zum anderen am helllichten Tag jeden Tag anderntags Tag für Tag Tagesanbruch» schreibt sie und fährt fort: «sag, willst du nicht vorbeikommen sag, bist du nicht müde sag, wollen wir nicht die Augen schliessen, nur für einen Wimpernschlag.»

Ihr neustes Buch, «Launa da pavagls», ist 2023 in Rätoromanisch publiziert worden. Nun liegt es in deutscher Übersetzung vor und trägt den Titel «Dochtwolle». In die 42 Gedichte einzutauchen, ist auch erfrischend. Die Autorin widmet sich etwa rauschendem Wasser, das sie sowohl mit ihrer alten Heimat, dem Engadin, wie auch dem neuen Zuhause am Mittelmeer verbindet.

Zentrale Leitmotive sind neben der Natur Gemeinschaft, Körperlichkeit und – natürlich – die Liebe. «Mit dir ist es ein Gehen hinauf, immer höher, eine Sehnsucht, ein Hunger, eine Leichtigkeit. Mit dir ist es ein Gehen Arm in Arm hinein ins Leben.» Noch stärker wirken dieselben Zeilen in Zuans Muttersprache, dem oberengadinischen Idiom Puter. «Ad es cun te ün ir insü viepü insü, üna brama, üna fam, üna ligerezza. Ad es cun te ün ir abratschedas vers la vita.»

Die 40-Jährige spielt mit Alliterationen, Wortwiederholungen und unterschiedlichen Bedeutungen. In «Strassenwischer» heisst es: «Die Welt will beichten, was sie nicht sagen kann. Hinter den geschlossenen Türen wischen Strassenwischer die endlose Nacht weg. Wischen und wischen, bis wir zurückkehren, wischen und wischen, lassen uns wissen, dass wir noch da sind. Und während sie wischen, warten wir und zögern. Während sie wischen, werden wir alt, unsagbar alt.»

Sie entlehnt Wörter wie «azard» (glücklicher Zufall) und erweist sich als Sprachkünstlerin und wahre Poetin. Immer wieder berühren ihre Zeilen das Innerste. Vielleicht liegt das daran, dass sie bei der Leserin Erinnerungen wachrufen. Sicherlich hängt es damit zusammen, dass es Zuan gelingt, mit ihren Texten Bilder wie in einem Film entstehen zu lassen.

Die deutsche Übersetzung von Claire Hauser Pult ist durchdacht und sorgfältig. Dennoch geht der Ursprung der Poesie verloren, und mit ihm auch ein Teil ihrer Kraft. Aufgefangen werden könnte dies mit einem Hörformat. Weshalb die Gedichte nicht vertonen und als Audiodatei mitliefern? Leser könnten so noch tiefer eintauchen in die Wortwelten. Eine Audiodatei wäre auch willkommen, weil das Buch schwer zu lesen ist.

Es ist keine leichte Lektüre. Pausen sind ratsam. Danach lässt sich Zuans Lyrik immer wieder neu entdecken. Auch beim zweiten oder dritten Lesen entstehen neue Zugänge und der Phantasie entspringen frische Bilder.

«Dochtwolle» ist Jessica Zuans dritter Gedichtband. Ihre ersten beiden Werke sind 2017 und 2019 erschienen. Es gibt Videoaufnahmen von Lesungen, so sind die Gedichte doch noch zu hören.

Zuans Arbeit ist mehrfach prämiert worden. Vor zwei Jahren wurde sie in Barcelona mit einem lokalen Preis ausgezeichnet, im vergangenen Jahr erhielt sie den Bündner Literaturpreis. Zudem bekam sie den Förderpreis des Kantons Graubünden und einen der Region Maloja. Zu Recht, lässt sich festhalten und darauf hoffen, dass sie noch mehr Bündner Lyrik schafft.

Jessica Zuan: «Dochtwolle». Edition Howeg, Zürich, 2025; 160 Seiten; 38 Franken.

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