Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Donnerstag, 10. April 2025

Abends, wenn die Strahlen der Sonne auf die Fassade der Felsenegg treffen, die hoch über dem Zugersee thront, beginnt sie zu leuchten. Als hätte die Direktion des Instituts Montana, zu dem das imposante Haus gehört, oben auf dem Berg Scheinwerfer angezündet. Der Berg, das ist der Zugerberg. Hier, auf diesem Flecken Erde, beginnt im Sommer 1945 für einen jüdischen Buben ein neues Leben.

Michael Urich ist zehnjährig, als US-Truppen am frühen Nachmittag des 11. April 1945 auf dem Ettersberg, keine zehn Kilometer von Weimar entfernt, mit Panzern im Konzentrationslager Buchenwald einrollen. 21 000 Häftlinge leben zu diesem Zeitpunkt im Lager, darunter mehr als 900 Kinder und Jugendliche. Die meisten Halbwüchsigen sind noch nicht lange da. Ein paar Monate zuvor hatte sie die SS zusammen mit Zehntausenden anderen Häftlingen aus den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau und Gross-Rosen evakuiert und auf Todesmärschen nach Westen getrieben. Sie wollte verhindern, dass die Rote Armee, die sich den Lagern näherte, die Insassen rettete.

Vier Monate nach seiner Befreiung feiert Michael Urich seinen elften Geburtstag im ehemaligen Kurhaus und späteren Bubeninternat Felsenegg, rund tausend Meter über Meer. Auf dem Zugerberg, der im Zweiten Weltkrieg Eingang zum Reduit war, erholt er sich von den Gräueln der Nazis.

Der elfjährige Michael Urich und der acht Jahre ältere Jakob Solny waren unzertrennlich. Nach der Befreiung aus dem KZ Buchenwald kümmerte sich Solny wie ein Vater um den Buben. Die beiden blieben bis zu Solnys Tod in Kontakt.

«Die jungen Mädchen und Burschen trugen bei ihrer Ankunft in Basel noch immer die Aufschrift ‹KL Buchenwald› auf ihrem rechten Rockärmel, während der linke Unterarm mit ihrer Lagernummer tätowiert ist.» So berichtet die «Nationalzeitung» im Juni 1945 über die Ankunft der Buchenwald-Jugendlichen. Sie sind auf Einladung der Schweizer Spende gekommen, des Hilfswerks, das 1944 für die Nachkriegshilfe in Europa gegründet worden war.

Es hatte der Unrra, der Hilfsorganisation der Vereinten Nationen, angeboten, 2000 Kinder aufzunehmen. Kinder, die keine Eltern mehr haben und nicht älter sind als zwölfjährig. Das Angebot, das fürs Erste auf sechs Monate beschränkt ist, wird allerdings weniger von der humanitären Tradition des Landes geleitet als vielmehr von aussenpolitischem Opportunismus: Die Motive der Schweizer Nachkriegshilfe sind keineswegs rein wohltätig. Genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, sind politische Ziele.

«Bereits vor Kriegsende begann sich mehr und mehr abzuzeichnen, dass das Land wegen seiner teilweise kooperativen Haltung gegenüber den Nationalsozialisten Gefahr lief, nach dem Krieg isoliert dazustehen», schreibt die Historikerin Madeleine Lerf in ihrer Dissertation «‹Buchenwaldkinder› – eine Schweizer Hilfsaktion». Die Einladung der Schweizer Spende sollte also helfen, das Image der Schweiz wieder aufzupolieren und ihre Beziehung zu den Alliierten zu verbessern.

Die Zeichnungen, die diesen Text illustrieren, stammen von Stefan Cohn und Kalman Landau. Die beiden gehörten zu den Jugendlichen, die im Sommer 1945 auf dem Zugerberg lebten. Cohn, der 1929 in Stettin, Polen, zur Welt kam, wurde 1943 zusammen mit seiner Mutter ins KZ Auschwitz deportiert. Bei der Ankunft wurden die beiden voneinander getrennt. Cohn sah seine Mutter nie mehr. 1945 wurde er bei Schnee und Kälte in einem offenen Güterwaggon vom KZ Auschwitz über das KZ Gross-Rosen ins KZ Buchenwald transportiert. Gleich nach der Befreiung, noch in Buchenwald, begann er seine Erlebnisse zu zeichnen, auf SS-Formularpapier.

Wie Stefan Cohn, der später unter dem Namen Thomas Geve in Israel lebte und 2024 in Haifa starb, wurde auch der 1928 in Niwka bei Sosnowiec, Polen, geborene Kalman Landau ins KZ Auschwitz verschleppt. Er war 14 und Waise, die Nazis hatten seine Eltern erschlagen. Als die SS das KZ Auschwitz evakuierte, kam er nach Buchenwald. Mit den Zeichnungen, die er auf dem Zugerberg machte, versuchte er, das Erlebte zu verarbeiten.

Doch beinahe wäre die Aktion gescheitert. Denn als die Unrra die Schweizer Spende bittet, 350 13- bis 16-Jährige aufzunehmen – jüngere gibt es kaum, die SS hatte sie nicht für Zwangsarbeit einsetzen können und deshalb nach der Deportation in die Lager umgebracht –, ist der Schrecken gross: Mit Jugendlichen hat man hierzulande nicht gerechnet.

Eilends wird eine Sitzung einberufen. Am Tisch sitzen Vertreter der Schweizer Spende, des Territorialdienstes der Armee, des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, der Delegierte des Bundesrates für internationale Hilfswerke und die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes – sie wird die Buchenwald-Jugendlichen betreuen. Man berät hin und her, für und wider und willigt schliesslich ein. Zu gross ist die Angst, dass der gute Eindruck, den man machen will, mit einer Absage zunichte gemacht würde.

Das einzige Kind unter den 107 Jugendlichen, die am 14. Juli 1945 auf dem Zugerberg eintreffen, ist Michael Urich. 62 Jahre Jahre später, im Sommer 2007, treffe ich ihn zum ersten Mal. Wir verabreden uns in Arosa. Regelmässig kommt er für Ferien hierher. Er reist aus Israel an, aus Bnei Brak, einer Stadt, dreissig Autominuten von Tel Aviv entfernt. Seit Ende der 1940er-Jahre ist sie seine Heimat. Auf einem Spaziergang durch den Bündner Ferienort beginnt er seine Geschichte zu erzählen.

Ich kam 1934 im polnischen Tarnopol zur Welt, als einziges Kind einer Akademikerfamilie. Meine Mutter war Apothekerin, mein Vater Ingenieur. Als am 1. September 1939 deutsche Einheiten die polnische Armee angriffen und damit den Zweiten Weltkrieg begannen, wohnten wir in Warschau. Im Frühling darauf transportierten uns die Deutschen ins Ghetto. Dort wurden wir mit mehreren anderen Familien in eine Unterkunft gepfercht, die nicht grösser war als unsere bisherige Wohnung.

Wir konnten so kaum leben, unsere Situation verschlimmerte sich von Monat zu Monat. Auf den Strassen sah ich, wie Menschen die Abfalleimer nach Essen durchwühlten. Typhus brach aus, Medikamente bekamen wir keine. Auf den Trottoirs lagen Dutzende Tote. Meine Eltern hielten es nicht mehr aus, sie beschlossen, zu fliehen. Meine Mutter nähte meinen Namen, mein Geburtsdatum und meinen Geburtsort in das Futter meines Mantels ein. Danach brachte sie mich zur Familie Stachowicz.

Weil sie Christen waren, hofften meine Eltern, dass ich in ihrer Obhut überleben würde. Ich sah weder meine Mutter noch meinen Vater jemals wieder. Jan, der Sohn der Familie Stachowicz, war ein Jahr älter als ich. Er wusste, wer ich war, seine Eltern hatten ihm eingeschärft, meine Herkunft als Geheimnis zu hüten. Auch ich durfte mit niemandem über meine wahre Identität reden. Ich war nun Jans Cousin und lebte zusammen mit der Familie Stachowicz. Bis zum Aufstand von Warschau.

Als die Deutschen im Herbst 1939 in Polen einmarschierten, installierten sie ein brutales Unterdrückungsregime. Hunderttausende wurden entrechtet, zwangsumgesiedelt, für Zwangsarbeit missbraucht oder in Konzentrationslager verschleppt. Am 1. August 1944 wagte die polnische Heimatarmee, die Widerstandsorganisation Armia Krajowa, den Aufstand. 63 Tage lang wehrte sie sich gegen die deutschen Besatzer, doch weil sie weder von den Alliierten noch von Stalins Truppen Hilfe bekam, musste sie aufgeben. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, Warschau fast vollständig zerstört.

Zu den Polinnen und Polen, die ins Konzentrationslager deportiert werden, gehört auch die Familie Stachowicz. Sie kommt mit den Buben Jan und Michael nach Buchenwald.

Helenas Mann wurde im KZ ermordet. Sie war nun allein mit uns Buben. Wir hatten Hunger. Meist gab es nur dünne Suppe, gekocht aus Kartoffelschalen. Ich hatte Angst, fürchterliche Angst, dass eines Tages jemand herausfinden könnte, dass ich ein jüdischer Bub bin. Am 11. April befreiten die Amerikaner das KZ Buchenwald. Ich kam zur Unrra und dann in die Schweiz.

Die erste Station der Buchenwald-Jugendlichen ist die Alte Saline Rheinfelden, ein Auffanglager, mit Stacheldraht umzäunt. Hier werden sie auf Krankheiten untersucht, nach Geschlechtern getrennt und in Quarantänelager transportiert, bevor sie weiterreisen können: die Mädchen in die Romandie, die Jungen auf den Zugerberg, wo sie in der Felsenegg einquartiert werden.

Das ehemalige Internat ist in einem erbärmlichen Zustand, als die Betreuerinnen und Betreuer der SRK Kinderhilfe wenige Tage vor den Jugendlichen ankommen. In ihrem Buch «Gegen den Strom der Finsternis» schildert Charlotte Weber, Primarlehrerin, Journalistin und «Felsenegg-Hausmutter», was sie und ihre Arbeitskolleginnen vorfinden – ein Haus, das während des Kriegs vom Militär benutzt worden war und nun verschmutzt und verwahrlost ist.

Sie schreibt: «Putzfrauen sind an diesem Wochenende nicht zu bekommen. Also krempeln wir die Ärmel hoch und beginnen, von oben bis unten Etage um Etage zu reinigen. Schmutz, Zigarettenstummel, Papierfetzen, leere Büchsen, ja Flaschen und anderer, vom Militär zurückgelassener Unrat wandern nach und nach in die Kehrichtkübel. (…) Trotz aller Müdigkeit verspüre ich grosse Freude, und in Gedanken öffne ich schon weit meine Arme, um die jungen Menschen willkommen zu heissen.»

Ein Gefangener bekommt wieder Liebe

Ein Jahr nach unserem Treffen in Arosa ruft Michael Urich mich an, er möchte auf den Zugerberg fahren. Er will noch einmal in das Haus, in dem er zum ersten Mal nach langer Zeit Menschen begegnete, die ihn wie einen Menschen behandelten. Und wo er wieder an einem Tisch essen und in einem Bett schlafen konnte.

Es ist ein föhniger Tag, als wir aus der Standseilbahn steigen und die paar wenigen hundert Meter zur Felsenegg gehen. Die Rigi ist zum Anfassen nah. Unten im Tal liegt die Stadt, im See dümpelt der Hafen. Der Direktor des Instituts Montana schliesst das Haus auf. Wir treten ein, gehen durchs Entrée in die Aula. Im Sommer 1945 sassen hier, im grossen, hohen Saal, Jugendliche aus dem KZ Buchenwald an langen Tischen und bekamen Essen serviert.

Michael Urich mustert den Raum, er scheint ihn quadratzentimeterweise zu erfassen. Auf seinem Gesicht steht die Vergangenheit geschrieben.

Die Zeiten damals, sie waren nicht gut. Wir bekamen alte Kleider und hatten nur wenig zu essen. Doch nach dem Konzentrationslager Buchenwald war die Schweiz für mich das Paradies. Fünf Jahre lang hatte ich wie eine Maus leben müssen, immer im Versteckten. Nun war ich zum ersten Mal wieder frei. Und ohne Angst.

Ich bekam ein Bett, ich bekam zu essen, ich bekam ein bisschen Liebe – in der Schweiz bin ich vom Knecht wieder zu einem freien Menschen geworden.

Wie viel wussten die Schweizerinnen und Schweizer in den 1940er-Jahren über die Konzentrationslager und die Verbrechen der Nazis? «Diese Frage», schreibt Historikerin Madeleine Lerf, «ist insofern von Bedeutung, als sie vermutlich einen Einfluss darauf hatte, wie die Menschen der Buchenwald-Gruppe wahrgenommen wurden und inwieweit man für ihr Schicksal Verständnis aufbrachte.»

Nachdem die US-Armee das KZ Buchenwald samt Aussenlager befreit hatte, forderte General Eisenhower Medienvertreter aus verschiedenen Ländern, Parlamentarier sowie Geistliche auf, die Lager zu besichtigen. Was die Besucher zu sehen bekamen, darüber berichteten auch Schweizer Zeitungen. Die «NZZ» etwa druckte im April 1945 den Bericht eines Londoner Korrespondenten ab, den dieser für die Schweizerische Depeschenagentur verfasst hatte.

Darin steht: «Der Korrespondent (…) sah mit eigenen Augen die Galgen, die Leichenhaufen, den Prügelbock und den Hängepfahl. Er sah die Krematorien mit halbverbrannten Leichen, er sah Füsse, an denen keine Haut und kein Fleisch mehr war, er sah Hunderte von verlumpten, halbverhungerten Elendsgestalten, denen der Tod aus den Augenhöhlen blickte. (…) Er roch den alle Vorstellungen übersteigenden Gestank, und er hörte die Aussagen zahlloser Häftlinge. Er hat alles Gesehene, Gehörte und Gerochene völlig kommentarlos und völlig objektiv, ohne jede Ausmachung geschildert; die vorausgehenden Schilderungen sind ein in jeder Hinsicht wahrheitsgetreuer Bericht.»

Für Lerf steht damit fest, dass man nach Kriegsende auch hierzulande gewusst haben konnte, welche Verhältnisse in den Lagern geherrscht hatten.

Die Equipe in der Felsenegg versucht, die Jugendlichen wieder in das sogenannte normale Leben zurückzuführen. Dazu gehört auch, für sie da zu sein, wenn sie von Albträumen geplagt oder von der Sehnsucht nach ihren Eltern überwältigt werden. Nachts, wenn Charlotte Weber durchs Haus geht, hört sie manchmal ein Schluchzen. «Ich öffne leise die Tür und gehe ans Bett des Jungen, der nun auf einmal ein kleines Kind geworden ist, einsam, verlassen. (…) ‹liebes Kind, weine dich aus›, sage ich leise, oft auch schweige ich und bin bloss da. (…) So gehe ich jeden Abend von Zimmer zu Zimmer, decke einen Schlafenden noch ein wenig besser zu, drücke warme Hände oder gebe ein Gutenachtküsschen dem, der mich leise darum zu bitten scheint.»

Es mag seltsam anmuten, dass die Betreuerinnen des SRK-Kinderhilfe-Teams von Kindern sprachen, obwohl es nur ein Kind gab – den elfjährigen Michael Urich. Die anderen waren 16-jährig oder älter, manche von ihnen bereits Männer, nur wenige Jahre jünger als die Mitglieder des Kinderhilfe-Teams.

In den Akten zur Buchenwald-Aktion, die im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich lagern, schreibt der damals 25-jährige Betreuer Gert Dresdner über die Jugendlichen: «Während sie einerseits in mancher Hinsicht auf der Stufe geblieben waren, mit der sie im Alter von 12 und 13 Jahren in die Lager kamen, sowohl im Denken wie in gefühlsmässigen Reaktionen, hatten sie andererseits eine ungeheure Lebenserfahrung durchgemacht, ohne dies jedoch der Reife ihres Alters entsprechend normal verarbeiten zu können. (…) Wie viele von ihnen gemordet haben im Konzentrationslager aus Hunger und nachher aus Rache, weiss ich nicht genau. (…) Sie erwähnten es nur in ganz wenigen Fällen.»

Wie mit den jungen Menschen umgehen? An dieser Frage scheiden sich die Geister. August Bohny, Leiter der Buchenwald-Aktion, versteht den Erholungsaufenthalt als eine Art Pfadilager. Er ordnet Unterhaltung an – Spiele, Lieder singen, Ausflüge machen, zelten. Das Gros der Betreuerinnen hingegen will ihren Schützlingen das bieten, was sie im Konzentrationslager verpasst haben: Schulbildung.

Sie organisieren Hefte, Rechenbücher, Bücher zum Grundriss der Wirtschaftsgeografie, zum Abc der Wirtschaft, «Living English» für den Fremdsprachenunterricht, jüdische Sagen. Sie bestellen Farbstifte, Malkasten mit Wasserfarbe, Papierbögen und Blöcke, damit die Jugendlichen zeichnen können, was sie erlebt haben. Sie teilen sie in Klassen ein, erstellen einen Stundenplan und unterrichten sie in Chemie und Algebra, Deutsch und Englisch, Warenkunde und Geografie. Im Werkunterricht bauen sie mit ihnen Segelflugmodelle.

Die Hilfsaktion wird geändert

Das Lehren und Lernen währt nicht lange. Der Zwist zwischen dem Aktionsleiter und den Betreuern, vor allem der Hausmutter Charlotte Weber, ist gesät. Die Schwierigkeiten spitzen sich zu, Bohny schickt Weber die Kündigung. Als Begründung führt er unter anderem an, dass die Aktion geändert, «respektive in kürzester Zeit überhaupt abgebrochen wird». Doch bereits wenige Tage später krebst Bohny zurück, auf Druck von Webers Arbeitskollegen macht er die Kündigung rückgängig. Die angetönte Änderung der Hilfsaktion hingegen wird durchgeführt.

Zu tun hat sie mit den jüdischen Organisationen. Als diese erfahren, dass die Überlebenden aus dem KZ Buchenwald allesamt jüdisch sind, teilt der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) den Behörden mit, man wolle sich selbst um die Jugendlichen kümmern. Für die Juden, die im Zweiten Weltkrieg einen Grossteil ihrer Angehörigen verloren haben, sind die jungen Frauen und Männer die Zukunft des Judentums, sie wollen sie nicht an eine andere Religionsgemeinschaft verlieren.

Die Behörden, die von den Schweizer Juden während des Zweiten Weltkriegs verlangt hatten, dass diese sich selbst um jüdische Flüchtlinge kümmern und bis fast an den Rand des Ruins für sie aufkommen mussten, lehnen das Begehren ab. Sie befürchten wohl, dass die Alliierten die Buchenwald-Aktion kaum mehr als Verdienst der Schweiz betrachten würden, gäben sie die Jugendlichen in die Obhut der jüdischen Organisationen.

Das Blatt wendet sich erst, als der SIG der Schweizer Spende und der Kinderhilfe des Roten Kreuzes zwei Wochen nach Ankunft der Jugendlichen auf dem Zugerberg Ende Juli mitteilt, dass alle, die das wollen, innert drei Monaten nach Palästina auswandern können. Zuvor allerdings müssten sie in jüdischen Heimen, sogenannten Alijah-Heimen, auf die Auswanderung vorbereitet werden. Dieses Angebot kommt der Schweizer Spende zupass, hatte sie mit der Unrra doch vereinbart, dass die Jugendlichen nur sechs Monate in der Schweiz bleiben durften.

«Wenn du überlebst, sollst du Gutes tun»

In die Felsenegg kommen nun die Vertreter der verschiedenen Alijah-Heime und werben für ihre Institutionen. Das kommt beim SRK-Kinderhilfe-Team nicht gut an. In ihrem Buch «Gegen den Strom der Finsternis» schreibt Charlotte Weber: «Wir erhalten von allen möglichen Organisationen Besuche von Leuten, die gerne die Waisen für ihre politischen Überzeugungen gewinnen wollen. Sie erscheinen zu jeder Tageszeit (…), gehen vor dem Haus auf und ab und suchen die Jungen um sich zu scharen.»

Im hohen Speisesaal in der «Felsenegg» versammeln sich die Jugendlichen zum Essen.

Die Betreuerinnen wollen nicht, dass das Heim aufgelöst wird und die Jugendlichen innert kürzester Zeit wieder umziehen müssen. Sie schlagen stattdessen vor, jüdische Lehrer in die Arbeit miteinzubeziehen. Doch sie stehen auf verlorenem Posten. Im Spätsommer wird die Felsenegg geschlossen und die Gruppe der Jungen aufgeteilt. In den Alijah-Heimen, die von unterschiedlichen zionistischen Organisationen geleitet werden, können Orthodoxe und Säkulare nicht mehr zusammenleben.

Als das den Jugendlichen bewusst wird, appellieren sie an die Vertreter der jüdischen Organisationen, ihre Gemeinschaft nicht auseinanderzureissen. Diesen Wunsch begründet einer von ihnen folgendermassen: «Wir Buchenwalder haben in gemeinsamem Leiden gelernt, was es heisst, Kameraden zu sein trotz religiöser, ja selbst nationaler Unterschiede. Wir sind tolerant und wollen nicht in die religiösen Gegensätze der verschiedenen jüdischen Parteien hineingezogen werden. Wir sind alles Menschen, die für das gemeinsame Ziel eintreten, als Mensch und Kamerad zu leben, trotz unterschiedlicher Denkungsart.» Doch die zionistischen Organisationen haben für das Anliegen kein Gehör.

Anfang September 1945 verlassen die ersten den Zugerberg. Weber schreibt: «Die Jungen, die sich für Engelberg entschieden haben, sind die ersten, die gehen. (…) Es sind viele, und sie sind traurig und trostlos wie wir alle. (…) Die grosse Stille im Haus kommt mir schauerlich vor.»

Ich war nur zwei Monate lang auf dem Zugerberg, dann kam ich nach Engelberg, in ein Alijah-Heim. Alijah ist hebräisch und bedeutet Aufstieg. Als ich in Palästina ankam, war ich zwölf. Ich lebte in einem Heim, hatte weder Mutter noch Vater und auch keine Geschwister. Ich machte mich auf die Suche nach Verwandten und fand einen Bruder meines Vaters, der den Holocaust ebenfalls überlebt hatte. 1965 kam er mich besuchen, wenige Monate später starb er.

Anfang der 1980er-Jahre erhielt ich einen Brief von Forschern aus Polen. Ich hatte sie kontaktiert, weil ich wissen wollte, was aus meinen Eltern geworden war. Sie schrieben mir, dass sich mein Vater den Partisanen angeschlossen hatte und später von den Nazis umgebracht worden war. Was mit meiner Mutter geschehen ist, weiss ich nicht. Sie ist tot, das steht fest, aber wie sie gestorben ist und wann, das habe ich bis heute nicht erfahren.

Als sie mich zur Familie Stachowicz schickte, sagte sie mir: «Wenn du überlebst, dann sollst du für andere Menschen Gutes tun.»

Helena Stachowicz, Urichs Pflegemutter, überlebte das KZ, sie starb 2001. In Yad Vashem, der israelischen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, wird sie als «Gerechte unter den Völkern» geehrt, als eine der nichtjüdischen Personen, die ihr Leben riskierten, um Juden und Jüdinnen vor der Ermordung durch die Nazis zu retten.

Im Winter 2024 sehe ich Michael Urich wieder. Wir telefonieren über Videocall. Er wirkt kaum älter als bei unserer ersten Begegnung im Sommer 2007. Es gehe ihm gut, sagt er. Letztes Jahr ist er 90 geworden. Viel ist passiert seit seinem Aufenthalt in der Schweiz und seit seiner Ankunft im damaligen, von der britischen Mandatsmacht kontrollierten Palästina.

Er wurde Rabbiner, Soldat, Vater, Grossvater, Urgrossvater. Vor über vierzig Jahren gründete er in seiner Heimatstadt Bnei Brak ein Informationszentrum. Hier hilft er Holocaust-Überlebenden, die von Deutschland Entschädigungszahlungen fordern. Seit Jahrzehnten erzählt er in Schulen und auf Vorträgen in verschiedenen europäischen Städten vom Schrecken des Konzentrationslagers und vom Leben danach. Und seit zwanzig Jahren fliegt er jeden Frühling nach Deutschland, auch dieses Jahr. Jeweils am Sonntag vor oder nach dem 11. April, dem Tag, an dem er aus dem Konzentrationslager befreit wurde, gedenkt er auf dem Ettersberg bei Weimar all der Menschen, die in Buchenwald von den Nazis ermordet worden sind; es sind mehr als 56 000.

 

Zeichnungen
Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich, AfZ: S Biografien / 78.

Historische Fotos
Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich, AfZ: NL Charlotte Weber / 85-87.

Quellen
Madeleine Lerf: «Buchenwaldkinder» — eine Schweizer Hilfsaktion, Chronos, Zürich 2020.
Charlotte Weber: «Gegen den Strom der Finsternis», Chronos, Zürich 1994.
Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich; Nachlass Charlotte Weber.

 

Teile dieses Textes sind erstmals 2008 im «Zuger Neujahrsblatt» erschienen; Barbara Schmutz: «Was man erlebt hat, bleibt im Kopf drin».

Geh weiter!

Shaul Ladany hat den Holocaust überlebt und das Olympia-Attent...

Juni 2023
Agnes Fazekas
Anne, Che und Marilyn

Anne Frank ist längst zur Pop-Ikone geworden. Kein anderes Hol...

März 2018
Susanne Leuenberger