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Illustration: Sergiy Maidukov
Donnerstag, 06. März 2025

Sergiy Maidukov hat für «The New Yorker», «The Guardian», «Financial Times» und «The Wall Street Journal» illustriert. Für «Die Zeit» dokumentiert er seit dem Überfall der russischen Armee vor drei Jahren den Kriegsalltag. Maidukov ist 45 und Vater einer elfjährigen Tochter. Für ein Interview mit unserem Magazin sagte er sofort zu und bot bei der Terminanfrage auch gleich das Du an.

Wir haben den 17. Februar, 10.30 Uhr, für den Videocall vereinbart. Als er kurz vor 11 Uhr noch nicht im Meeting auftaucht, schreibe ich ihm etwas besorgt eine Mail. Er antwortet gleich und kurz darauf sehe ich ihn auf dem Computerbildschirm. Er sitzt an seinem Arbeitstisch und lächelt.

«Es tut mir leid», beginnt er das Gespräch, «wenn du zwei Nächte lang nicht richtig schläfst, beginnst du, Dinge zu vergessen».

Kein Problem, Sergiy, bist du okay?

Ja, es geht mir gut, gegen Mittag werde ich jeweils wieder lebendiger.

Wo bist du im Moment?

In Kiew, in meiner Wohnung, in der ich schon viele Jahre lebe. Ursprünglich komme ich aus Donezk. Die Stadt wird von den Russen besetzt.

Hast du die Schlafstörungen schon länger?

Ja, und den meisten hier geht es so. Du wachst auf und bist voller Adrenalin. Danach kannst du nicht mehr einschlafen. Du brauchst zwei, drei Stunden, um dich wieder zu beruhigen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt eine gute Nacht hatte.

Hast du es mit Lesen versucht?

Klar, mit allem Möglichem: Lesen, Atemübungen, Meditation. Nachdem ich einmal vier Nächte lang nicht schlafen konnte, habe ich die Kontrolle verloren und Dinge an die Wand geschmissen. Das ist mir noch nie passiert, ich bin ein sehr ruhiger Typ. Zwei Nächte ohne Schlaf, das ertrage ich. Aber sowas … es ist wie Folter.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine zeichnet und dokumentiert Sergiy Maidukov vor allem den Kriegsalltag, aber nicht nur. Hier posiert er vor einem seiner Kunstbilder. (Bild: Christopher Occhicone)

Wovon wachst du auf?

Von der Luftabwehr, von Flugzeuglärm, Sirenen, Raketenangriffen oder Drohnen. Als ich vor zehn Tagen bei meiner Freundin übernachtete, schlugen 300 Meter entfernt zwei Raketen ein.

Was wurde getroffen?

Eine Fabrik, in der, soviel ich weiss, Raketentechnologie hergestellt wird.

Wie hast du den Einschlag erlebt?

Es war 6 Uhr morgens und komplett surreal. So einen lauten Knall habe ich noch nie gehört. Es bebte und alles in der Wohnung leuchtete wie … (steht auf und holt einen orangen Stift) … wie das hier.

Hörst du oft Drohnen?

Ja, und ich erkenne sie mittlerweile recht schnell. Du hörst ihr Summen, und je näher sie dem Angriffsziel kommt, desto höher ist ihr Ton. Du weisst, dass sie jetzt dann gleich einschlagen wird.

Drohnen, die mit Bomben bestückt sind?

Nein, eine Art Kamikaze-Drohnen, die gross sind und programmiert, in Häuser oder Infrastruktur zu krachen, um sie zu beschädigen. Die russischen Drohnen fliegen meist sehr tief, oft unter Dachhöhe, damit sie weniger gut abgefangen werden können. Einmal habe ich gesehen, wie eine dieser Drohnen in ein Gebäude einschlug.

Die Klebebänder an den Fenstern gehören in Kiew längst zum Stadtbild. Sie sollen bei Druckwellen ihr Zersplittern verhindern.

Geschieht das oft?

In etwa vier von fünf Nächten gibt es solche Drohnenangriffe. Ich wohne im Regierungsviertel. Dort funktioniert die Luftabwehr in der Regel gut. Als vor drei Wochen in der Nachbarschaft eine Drohne abgeschossen wurde, habe ich ein kleines Metallteil davon gefunden (hält es vor die Kamera). Ich bewahre es als Talisman auf.

Versteckst du dich in einem Bunker, wenn du nachts Raketenalarm oder Drohnen hörst?

Nein, ich bleibe im Bett.

Du bleibst im Bett?

Du kannst nicht jede Nacht zweimal zum Bunker runterrennen. Das hältst du ein paar Wochen durch, aber nicht Monate oder Jahre. Manchmal springe ich auf, um sie zu sehen.

Um was zu sehen?

Drohnen oder Raketen. Ich renne von Fenster zu Fenster und versuche sie mit meinem Smartphone zu filmen.

Ist das nicht gefährlich?

Doch, aber es ist die einzige Möglichkeit, Zeuge davon zu sein, was hier passiert. Es ist wie eine Sucht. Ein Gefühl, das stärker ist als das Risiko.

Für «Die Zeit» führst du ein Tagebuch mit Illustrationen.

Ich möchte den Kriegsalltag festhalten und ihn vielleicht einmal in einer Graphic Novel erzählen.

Sergiy Maidukov zeichnete den Soldaten mit seinem Sohn in der Fussgängerzone von Chmelnyzkyj, einer Stadt im Westen der Ukraine.

Woran arbeitest du aktuell?

An einem Cover für ein französisches Magazin. Es zeigt einen Soldaten neben einem Zivilisten an einem Kiewer Bahnhof. Ich werde sehr oft für Aufträge gebucht, die mit dem Krieg zu tun haben. Einerseits sehe ich das als meine Aufgabe, andererseits hat es auch Nachteile.

Welche?

Für kommerzielle Illustrationen oder die Gestaltung von Plakaten musst du Ideen entwickeln, mit Metaphern arbeiten. Diese Fähigkeiten habe ich ein wenig verloren. Dafür kann ich nun besser abzeichnen.

Für die ukrainische Post gestaltest du eine Briefmarke. Dazu bist du im letzten Jahr mehrmals nach Charkiw an die Front gereist. Was hast du dort erlebt?

An den Checkpoints traf ich zunächst auf Soldaten mit müden Gesichtern. Und als ich an der Frontlinie ankam, sah ich Rauchschwaden und von weitem hörte ich den Lärm von Maschinengewehren. Die Soldaten sagten, ich solle mich beeilen mit dem Zeichnen. Es war anspruchsvoll.

Inwiefern?

Ich war voller Adrenalin und hatte Angst, gleichzeitig fühlte ich mich von den Soldaten beschützt. Ich war schon mehrmals an der Front. Es ist seltsam, irgendwann bekommst du ein Gespür dafür, welches Geschoss wie tönt, wie weit weg es ist und wann du vorsichtig sein musst. Auch wenn es gefährlich ist: Für mich ist es wichtig, zwischendurch Frontkämpfer zu sehen und den Krieg zu spüren.

Wieso?

Im vergleichsweise gut geschützten Kiew kann man schnell ein falsches Bild vom Krieg bekommen. Hier funktioniert alles, wir hatten diesen Winter lediglich zwei Blackouts. Zu Kriegsbeginn war vieles geschlossen, die Läden waren leergekauft und man hatte kaum zu essen. Abends stank man nach dem Diesel der Generatoren, die an jeder Hausecke standen. Dann wurden die Russen zurückgedrängt, es fühlte sich wie eine Befreiung an. Jetzt ist die Stadt so lebendig wie noch nie.

Die Frau mit den weissen Blumen lief schnellen Schrittes und war der einzige Mensch, den Sergiy an diesem frühen Sonntagmorgen sah. Er war mit seinem Rad unterwegs zu seiner zehn Kilometer langen Laufstrecke – am Tag nach einem der intensivsten russischen Luftangriffe auf Kiew bislang.

Wie sieht denn dein Alltag in Kiew aus?

Ich arbeite, treibe viel Sport, jogge und schwimme. Ich gehe auf die Strasse und zeichne. Wegen der Schlafstörungen mag ich nicht immer raus, gerade im Winter nicht. Aber es würde mich zermürben, den ganzen Tag daheim zu sitzen.

Gehst du aus?

Ab und zu. Vor dem Angriff war ich eine öffentliche Person, ich wurde interviewt und zu Ausstellungseröffnungen eingeladen. Das mache ich nicht mehr. Ich lese viel, führe intellektuelle Gespräche und treffe mich fast jeden Tag mit Freunden oder meiner Freundin Katja. Heute Abend sind wir bei einem guten Freund zum Essen eingeladen.

Gibt es Kultur in der Stadt?

Und wie! Die Cafés sind geöffnet, es gibt Ausstellungen, Theatervorführungen, Konzerte und Vorträge. Die Frage ist nicht, was man unternehmen möchte, sondern ob man etwas unternehmen mag. Die Kulturszene ist sehr initiativ. Am Anfang war das verstörend.

In welcher Hinsicht?

Auszugehen, während an der Front gekämpft wird und Menschen sterben. Im ersten Jahr der Invasion konnte ich kaum Musik hören, Süsses essen oder ins Kino gehen. Aber dann habe ich verstanden, dass ich das brauche, um abzuschalten und genug Energie zu haben für meine Arbeit als Freiwilliger und als Illustrator. Gestern war ich zum Beispiel mit Katja im Kino.

Was habt ihr euch angeschaut?

«Terminator 2», in Englisch. Legendär!

Science-Fiction in Zeiten des Krieges.

Wären die Drohnen und Sirenen nicht, könnte man sich hier gut der Realität entziehen. Ich kann das nicht. Für mich ist es unmöglich, ausserhalb des Kontextes zu sein.

Wie meinst du das?

Ich informiere mich dauernd, wie sich die Truppen verschieben, kenne die Landkarten, weiss, wo die Hotspots sind. Als Freiwilliger engagiere ich mich bereits seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim im Jahr 2014.

Du hattest dich 2022 freiwillig zum Dienst gemeldet, wurdest aber abgelehnt, weil genügend erfahrene Soldaten verfügbar waren.

Genau. Deshalb begann ich, als Zivilist das Militär mit Medizin, Essen und Funkgeräten zu beliefern, und fuhr als sogenannter Fixer Journalisten herum. Nun fahren wir oft an die Front. Ein Freund von mir treibt Fahrzeuge auf und repariert sie, damit wir sie mit Hilfsgütern gefüllt nach Charkiw bringen können.

Erst durch einen solchen Einsatz konntest du deine elfjährige Tochter Severyna wieder einmal sehen.

Ich darf das Land nicht verlassen, erhielt aber eine Ausnahmebewilligung, um in Deutschland für unser Militär ein Fahrzeug zu besorgen. Ich nutzte diese Gelegenheit, um in der Bretagne Severyna für ein paar Tage zu besuchen. Als die Russen einmarschierten, ist sie mit ihrer Mutter nach Frankreich geflüchtet. Wir lebten schon vor der Invasion getrennt, haben aber ein sehr gutes Verhältnis und sehen uns regelmässig per Videocall.

Maidukovs Tochter am 24. Februar 2022, am Morgen des russischen Angriffs. Er schrieb dazu: «Ich war von den Explosionen in der Ferne aufgewacht. Meine Tochter schlief noch. Das Bild zeigt den Moment, kurz bevor ich sie aufweckte. Es war schmerzlich, ich wusste, für sie wird sich von jetzt auf gleich alles verändern.»

Wie geht es deiner Tochter?

Severyna entwickelt sich gut, sie spricht französisch wie eine Einheimische, schreibt gute Noten, hat Freunde aus allen möglichen Kulturen und sozialen Schichten, wohnt am Meer. Für sie ist es eine gute Erfahrung. Wir führen tiefgründige Gespräche oder spielen Schach. Natürlich vermisse ich sie sehr. Aber zu wissen, dass sie gut aufgehoben ist, hilft mir.

Denkst du, dass Severyna zurückkehrt?

Sie würde sehr gerne bei mir in Kiew sein. Aber das ist im Moment unmöglich. Ich wage gar nicht daran zu denken, dass sie diesen Kriegsalltag miterleben müsste oder mitbekommen würde, wie irgendwo eine Rakete einschlägt.

Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs treffen sich Donald Trump und Wladimir Putin zu Friedensverhandlungen. Was hältst du davon?

Ich habe gemischte Gefühle. Einerseits fühle ich mich als Zivilist moralisch gesehen nicht dazu befähigt, darüber zu urteilen, ob unsere Soldaten an der Front weiterkämpfen sollen oder nicht …

Andererseits?

Denke ich, dass die russische Armee an Krücken geht. Ihre Infanterie verzeichnet massive Verluste, viele Panzer und andere Kriegsgeräte wurden beschädigt, sie haben grosse Probleme. Das war jedenfalls mein Eindruck von der Front und was ich von dort höre. Ich habe das Gefühl … (greift sich einen Stift und biegt ihn mit beiden Händen) … dass sie bald einbrechen. Diese Chance sollten wir nutzen.

Die Ukraine ist nicht eingeladen zu diesen Gesprächen.

Das ist absurd. Sorgen bereiten mir Trumps Temperament und seine seltsame Sympathie für Putin. Niemand weiss, wohin das führt.

Vor drei Jahren haben wir dich bereits einmal interviewt. Hast du dich seither persönlich verändert?

Natürlich, und nicht nur zum Guten. Der Krieg macht einen härter und kühler. Meine Haut ist dicker geworden, ich bin intoleranter und ich ärgere mich schneller, etwa wenn ich Betrunkene sehe.

Damals sagtest du: «Der Stift ist mein Gewehr.» Siehst du das heute noch so?

Nicht mehr. Klar, ich dokumentiere noch immer den Krieg und rede mit Journalisten. Aber ich sehe heute vieles praktischer. Ich sammle Geld, kaufe Hilfsgüter für das Militär, reise an die Front … Natürlich hätte ich grosse Angst, in Schützengräben zu kämpfen. Ich kenne Menschen, die verwundet oder getötet wurden. Aber ich bin bereit.

Privat: «Der Stift ist mein Gewehr»

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Könnte es sein, dass du schon morgen eingezogen wirst?

Theoretisch schon. Ich weiss von Leuten, die gleich nach einem Konzert eingezogen wurden. Der Mobilisierungsprozess ist intransparent. Manche Zivilisten drehen um oder wechseln die Strassenseite, wenn sie Soldaten oder Polizisten sehen, um einem möglichen Aufgebot zu entgehen. Ich mache das nicht.

Könntest du dir vorstellen, die Ukraine zu verlassen?

Niemals! Nur dann, wenn Russland die vollständige Kontrolle über die Ukraine erlangen sollte. Solange dieser Fall ausbleibt, und davon gehe ich fest aus, bleibe ich und bin bereit zu kämpfen. Es mag pathetisch klingen, aber ich sehe es als eine Art Prüfung für mich und mein Land.

Inwiefern?

Vielleicht ist es schwer zu verstehen, aber wenn man in einem Kriegsland ist, hat man das Gefühl, im Mittelpunkt der Welt zu sein. In meinem Fall an dem Ort, wo die Demokratie verteidigt wird und sich das Schicksal Europas entscheidet. Und Kiew ist das Zentrum. Ich bin überzeugt, dass hier eine Gesellschaft der Zukunft heranwachsen kann. Wir dürfen nicht einknicken, wir müssen diese Prüfung bestehen.

Die Illustrationen von Sergiy Maidukov sind zuerst in seinem Kriegstagebuch für «Die Zeit» erschienen.

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