Kübra Gümüşay

Wut im Bauch

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Freitag, 02. November 2018

Man muss mit seiner Wut und seinem Ärger gut haushalten. Sonst verpuffen sie an der falschen Stelle und es bleibt kaum mehr noch was übrig für die wichtigen Gründe, sich zu empören.

Kürzlich hatte ich beruflich in Wien zu tun und wurde als Einzige in diversen Situationen von Mitarbeitenden des Flughafens konsequent in brüchigem Englisch angeredet, obwohl ich klar und deutlich Deutsch sprach. Selbst anderen Reisenden fiel es auf. Es war paradox. Ich antwortete auf Deutsch und die Angestellten sprachen jedes Mal mit brüchigem Englisch weiter, schauten mir dabei nicht einmal ins Gesicht. Beim vierten Mal – es war in einem Flughafencafé – rastete ich schliesslich aus und fragte den sichtlich gestressten Serviceangestellten auf Englisch, warum er mich denn ständig auf Englisch anreden würde, wenn ich doch akzentfrei Deutsch mit ihm spräche. Wahrscheinlich nur, weil ich so aussehe, wie ich aussehe, behauptete ich. Ohne auf eine Antwort zu warten, machte ich auf dem Absatz kehrt und schnaubte vor mich hin.

Und schon fühlte mich schlecht. Der Mann hatte offensichtlich viel zu tun. Er eilte von Gast zu Gast. Er erinnerte mich an die junge Frau, die mich in einem Berliner Restaurant schluchzend bedient hatte, weil sie zuvor von mehreren Gästen unfreundlich angegangen worden war. Ich fragte nach, strich ihr über die Schulter, bat sie, eine Pause zu machen, und beteuerte, dass meine Bestellung keine Eile habe – sie mied Augenkontakt, biss sich auf die Lippen und sagte schliesslich, sie könne sich keine Pause leisten.

Mein schlechtes Gewissen plagte mich. Und ich ärgerte mich nun über meinen Ärger. Es gab doch wichtigere Dinge, die meinen Unmut erforderten. Doch die tatsächlichen Skandale und Ungerechtigkeiten sind so gross, dass wir mit der Wucht der Wut gar nicht umgehen könnten, wenn wir sie in Gänze begriffen. Deshalb entlädt sich unser Ärger bei Lappalien, etwa wenn die Schwächeren es wagen, Kleingeld zu entwenden. Oder wenn die «da unten» sich anschicken aufzusteigen und damit die soziale Hackordnung durcheinanderbringen.

Kürzlich wurden neue Details aus dem Cum-Ex-Skandal bekannt, dem grössten Steuerraub der deutschen Geschichte, bei dem es um 32 Milliarden Euro geht. 2017 erfuhr die deutsche Öffentlichkeit erstmals davon. Er sei noch nicht vorbei und beträfe wahrscheinlich halb Europa, vermeldeten die Medien nun. Überwältigende Empörung gab es keine. Schon wieder nicht. 2017 wie heute schrie kein Mob auf und keine wütenden Demos fanden statt.

Zweiunddreissigmilliarden Euro. Das Glück – oder Unglück – dieses Skandals ist, dass die Zahl zu gross und damit zu abstrakt ist, als dass Menschen das erfassen können.

Die Worte, die die Moderatorin Anja Reschke 2017 in die Kamera sprach, wirken im Rückblick zynisch: «Wir haben in der Redaktion gewettet, ob es uns gelingt, Sie für einen Skandal zu interessieren, der so immens ist, dass er wirklich Empörung verdient.» Die Wette wurde erneut verloren.

Stattdessen echauffierte sich die Öffentlichkeit tagelang über ein Foto der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, auf dem sie mit einer 7300 Euro teuren Uhr am Handgelenk zu sehen ist. Man hielt der Sozialdemokratin vor, mit Luxus ihre Ideale zu verraten. So, als ob nur in Wollsocken soziale Politik zu machen sei. Jene, die sie verteidigten, wurden wüst beschimpft und bedroht. Die Wut bleibt unerklärlich, und doch ist sie nicht überraschend – denn es geht womöglich um etwas anderes: Chebli ist eine attraktive, erfolgreiche, nicht weisse Frau, die als Staatenlose mit zwölf Geschwistern in Deutschland aufwuchs. Sie hat es von «da unten» nach «da oben» geschafft. Die Rolex sitzt für manche schlicht am falschen Handgelenk. Und ich sitze da, mit Wut im Bauch. Und atme tief ein. Damit mein Groll nicht die Falschen trifft.