Der ehrliche Klappentext

«Wohin mit dem Atommüll?» von Marco Buser

Der Geologe Marcos Buser zeichnet in seinem Buch Wohin mit dem Atommüll? ein beunruhigendes Bild der Schweizer Atompolitik. Das «nukleare Abenteuer» bringe zahlreiche Probleme mit sich, für die das Bundeshaus noch keine Lösung gefunden habe – so etwa die Frage der Endlagerung.
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Freitag, 30. August 2019

Im Jahr 2011 beschloss die Schweiz den Ausstieg aus der Atomenergie. Trotzdem bleibt die Frage, was im Detail mit dem radioaktiven Abfall geschieht, nach wie vor unbeantwortet. Nach Meinung von Experten muss ein Endlager eine Million Jahre halten, dann erst soll der Abfall unschädlich sein. Ein kaum vorstellbarer Zeitraum.

In seinem Buch Wohin mit dem Atommüll? unterzieht der Geologe und bekannte Atomkritiker Marcos Buser dieses «nukleare Abenteuer» einer genauen Betrachtung. Buser selbst war Mitglied der eidgenössischen Kommission für nukleare Sicherheit, die sich vor allem mit der Endlagerfrage beschäftigt. Er kritisierte jedoch schon früh eine zu enge Verstrickung von Behörden und Stromkonzernen. So hätten sich erstere technischen Rat bei der Industrie geholt und sich teils auf deren Einschätzung verlassen. Aus Protest trat Buser deshalb 2012 zurück.

Zu Beginn behandelt das Buch die Euphorie, welche die Entdeckung der Atomenergie zu Beginn des 20. Jahrhunderts auslöste. In Europa und den USA träumte man davon, eines Tages ausreichend Strom zu erzeugen, um sogar die Polargebiete bewohnbar zu machen. Der friedlichen Nutzung der Kernkraft ging allerdings eine andere Erfindung voraus: jene der Atombombe. Buser beschreibt, wie auch das Schweizer Militär bereits Monate nach den Abwürfen über Hiroshima und Nagasaki begann, über die Atombewaffnung zu diskutieren. Laut dem Autor waren die Kernkraftwerke viele Jahre die friedliche Fassade für diese Ambitionen. Denn technisch sind ihre Reaktoren notwendig, um das Material für die Bomben erst zu produzieren. Durch die Spaltung von Uran für die Strom­produktion entsteht das waffenfähige Plutonium, das in der Natur extrem selten vorkommt.

Buser zeichnet nach, wie die zivilisatorischen Hoffnungen und der militärische Eifer lange Zeit jegliche Bedenken um die Gefahren der Kernkraft verdrängt haben. Der Müll – damals noch ganz harmlos «Atomasche» genannt – wurde einfach verdünnt in die Umwelt abgegeben oder im Meer versenkt. Erst der Widerstand gegen die Atomenergie, der nicht erst, aber vermehrt mit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl einsetzte, brachte die Schweizer Stromwirtschaft dazu, sich ernsthafte Gedanken über den langfristigen Verbleib des strahlenden Materials zu machen. Auch dies jedoch, so Buser, aus opportunistischen Gründen: Die Aussicht auf vermeintlich sichere Endlager sollte die Bevölkerung beruhigen, damit sie sich dem Bau neuer Kernkraftwerke nicht in den Weg stellen würde.

Detailreich erzählt der Atomkritiker auch von seiner Zeit in der Kommission für nukleare Sicherheit, wobei er sich manchmal in behördlichen Details verliert. An anderer Stelle wiederum setzt er zu viel Wissen voraus. Wenig schreibt er etwa über die Folgen von Fukushima – und dies, obwohl das Unglück die Schweizer Politik letztlich erst zum Ausstieg aus der Atomenergie bewegte. Auch die grösste nukleare Katastrophe, die sich je in der Schweiz ereignete, erwähnt Buser in nur einem Satz. Im heute stillgelegten Forschungsreaktor in Lucens kam es 1969 zu einer Kernschmelze. Da die Anlage im Fels gebaut war, drang lediglich ein geringer Teil der freigesetzten Strahlung in die Umgebung. Nur dadurch entging die Schweiz einer Katastrophe. Bis heute ist der Vorfall in der Öffentlichkeit kaum bekannt.

Buser legt die Finger auf die wunden Punkte der Schweizer Atompolitik. Für ihn ist sie Teil eines generellen Umgangs mit Technik in der heutigen Gesellschaft, welche die Risiken zukünftigen Generationen überlässt. Leider belässt Buser es bei der Kritik. Nur vage beschreibt er in der Schlussbetrachtung, wie ein End­lager seiner Ansicht nach aussehen könnte. Damit lässt auch er die Frage, die sein Buch stellt, unbeantwortet. Trotz dieser Leerstelle bleibt Wohin mit dem Atommüll? ein sehr lesenswertes Buch und ein wichtiger Beitrag zur Debatte.

Marcos Buser: Wohin mit dem Atommüll? Das nukleare Abenteuer und seine Folgen. Ein Tatsachenbericht. Rotpunkt, Zürich 2019; 256 Seiten; 27.90 Franken.

Thomas Brückmann ist freier Journalist aus Bern.