Der ehrliche Klappentext

«Wie wir jetzt leben» von Susan Sontag

Die verstorbene Philosophin Susan Sontag ergründete schonungslos die menschliche Existenz und ihre Abgründe. Nun sind Sontags Erzählungen über Krankheit, Tod und Verdrängung erstmals ins Deutsche übersetzt worden. Die jahrzehntealten Texte in «Wie wir jetzt leben» haben nichts an Aktualität eingebüsst.
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Freitag, 19. März 2021

Ein Vogel und ein Mensch begegnen sich auf der Arche. Der Mensch schickt den Vogel aus, um gute Nachrichten vom Land zurückzubringen. Dies ist die Ausgangslage einer der Geschichten aus Susan Sontags Erzählband «Wie wir jetzt leben». Als der Vogel zurückkehrt, berichtet er frustriert von den Menschen, welche die Erde zerstören würden. Der Mensch glaubt dem Vogel nicht und nennt ihn einen Pessimisten, der zu Übertreibung neigt. Daraufhin erzählt ihm der Vogel die Parabel von zweierlei Arten der Blindheit. Es gebe blinde Menschen, deren Augen tatsächlich nicht sehen könnten. Daneben gebe es aber auch jene, die lediglich meinten, sie seien blind, in Wirklichkeit aber an einer Schädigung des Gehirns litten. In der Folge dringe das Gesehene nicht in ihr Bewusstsein vor. Ähnlich wie diese nur scheinbar Blinden verhielten sich die Menschen: Sie sähen zwar die Gewalt und den Raubbau an der Natur, aber all diese Dinge drängen nicht zu ihrem Gewissen durch.

Der Dialog zwischen dem Vogel und dem Menschen liest sich leicht. So leicht, dass sich der zynische Unterton ob der komischen Gesprächssituation beinahe übersehen liesse. Aber eben nur beinahe: Die Geschichte entlarvt den menschlichen Unwillen, für die eigenen Handlungen Verantwortung zu übernehmen. Dies ist nur eine der vielen Pointen in Sontags Erzählungen, in der sie ihren Leserinnen und Lesern den Spiegel vorhält.

Die 2004 verstorbene Susan Sontag gehört zu den grossen Intellektuellen der USA im 20. Jahrhundert. In ihren kulturkritischen Essays dachte sie über Literatur, Film, Fotografie und deren Verhältnis zu Politik und Gesellschaft nach. Die Publizistin schrieb über Homosexualität, das Betrachten von kriegsverstümmelten Körpern, aber auch über ihre eigenen Krebserkrankungen. Ausserdem veröffentlichte sie Theaterstücke, Romane und einige Erzählungen, von denen nun eine Auswahl auf Deutsch vorliegt. Sie alle entstanden zwischen 1984 und 1992 und handeln von gesellschaftlichen Konflikten, Moral und Tabus ebenso wie von persönlichen Erlebnissen. In den kurzen Texten spielt Sontag mit verschiedenen Genres. Dabei bricht sie immer wieder lineare Erzählformen auf, etwa indem sie Textfragmente aneinanderreiht, deren Zusammenhang sich erst beim zweiten Lesen erschliesst.

Was sich durch alle Erzählungen zieht, sind die Dialoge. Für ihr Schreiben brauche sie ein Gegenüber, sagte Sontag einmal in einem Interview: «Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.» Diese dialogische Form verbindet sie in der Kurzgeschichte «Wie wir jetzt leben» mit einem Thema, das sie in ihren philosophischen Essays immer wieder umkreiste: der verletzte Körper. Im vermeintlichen Zentrum der Erzählung stehen ein namenloser Mann und seine Erkrankung. Im Laufe der Handlung wird aber klar: Hier geht es nicht um ihn, sondern um seine Freundinnen und Freunde. Sontag gibt deren Befürchtungen und Vorurteile wieder. Wie sollen sie sich gegenüber dem Freund verhalten, mit ihm sprechen, ihren Familien und Bekannten davon berichten? Dabei wird auch die Angst vor einer eigenen Ansteckung zum Thema. Immer deutlicher tritt dabei die Hilflosigkeit der gesunden Menschen im Umgang mit dem Leiden des Freundes hervor.

In der 1986 entstandenen Erzählung bleibt die Krankheit des Mannes ohne Namen. Vermutlich handelt es sich dabei um Aids. Wichtig ist das aber nicht, haben doch Sontags Gedanken über das gesellschaftliche Unbehagen gegenüber Schmerz, Leiden und Tod auch 2021, in Zeiten einer Pandemie, nichts an Dringlichkeit verloren.

Susan Sontag: «Wie wir jetzt leben». Hanser, München 2020; 123 Seiten; 24 Franken.

Dolores Zoé Bertschinger ist Religionswissenschaftlerin und freie Journalistin.