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«Wer putzt die Schweiz?» von Marianne Pletscher

In ihrem Portraitbuch erzählt die Journalistin Marianne Pletscher Migrationsgeschichten von Flucht über Neuanfang bis Berufsalltag. Zu Wort kommen Menschen, die sonst öffentlich kaum gehört werden.
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Autorin: Johanna Wedl
Freitag, 16. September 2022

«Ich wusste sofort, dass ich meinen Traumjob gefunden habe. Ich bin immer noch sehr zufrieden, das Putzen und Fegen liegt mir einfach.» Tezcan K. reinigt die Strassen, oft singt er dazu. Seit dreissig Jahren arbeitet der gebürtige Türke für die Basler Stadtreinigung. Gedanken, die ihm beim Strassenfegen zugeflogen sind, hat er in einem auf Türkisch verfassten Büchlein als Aphorismen gesammelt. Daraus stammt folgendes Zitat: «Das Schönste, das die Menschen vereint, sind die gemeinsamen Träume.»

Tezcans Geschichte ist eines von insgesamt zehn Portraits, in denen die Journalistin Marianne Pletscher und der Fotograf Marc Bachmann in ihrem Buch «Wer putzt die Schweiz?» Einblick geben in die Arbeitswelten von Reinigungskräften. Dabei verweben sie Anstellungsverhältnisse mit Herkunftsgeschichten: Die Protagonistinnen erzählen nicht nur detailliert, wo und wie sie putzen, sondern schildern auch, was sie auf ihrer Flucht und im Alltag in der Schweiz erlebt haben.

Pletscher begleitet die Frauen und Männer sehr nahe: Sie beschreibt, wie sie mit den Porträtierten in Wohnungen oder Büroräumlichkeiten unterwegs ist, und nimmt die Leser so mitten hinein in die Szene. Die Autorin versteht sich nicht als Beobachterin im Hintergrund, sondern bringt sich selbst in den Alltag der Protagonisten ein. So erwähnt sie etwa, dass sie einige von ihnen bei beruflichen oder privaten Schwierigkeiten unterstützt. Oft ist von einem «Wir» die Rede. Die Gespräche drehen sich nicht nur um ökologische Putzmittel oder Verdienstmöglichkeiten.

Das Buch kann nicht mehr nur als journalistisches Werk verstanden werden, weil Pletscher von der Reporterrolle in eine anwaltschaftliche Teilnahme wechselt und Partei ergreift für die Menschen, denen sie begegnet. Sie sieht sich als Fürsprecherin einer Gruppe, die sich öffentlich kaum zu Wort meldet – wegen mangelnder Sprachkenntnisse und aus Angst vor negativen Reaktionen der Arbeitgeberinnen.

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