Aus der Herzkammer

Wenn die Familie warm wird

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 06. März 2020

2007 habe ich zum ersten Mal einen Partner meiner Familie vorgestellt.

Zum ersten und letzten Mal. Damals war ich jung und sehr euphorisch und zuversichtlich, was diese Beziehung betraf, aber bitte, es zahlt sich nicht aus. Meine lieben Eltern tun sich bei so einem «Meet the Parents» derart viel an und sind wochenlang nervös und am Kochen und Planen. Das steht doch in einem völligen Missverhältnis. In einem eklatanten Missverhältnis zu den jeweiligen Männern – seid mir bitte nicht böse.

Na, jedenfalls bringe ich also zum allerersten Mal einen Freund nach Hause, und natürlich war es auch für mich ein Riesending, aber meine Eltern waren wochenlang im Ausnahmezustand. Ich habe das ja nicht direkt mitbekommen, sondern indirekt über meinen Bruder Masi: «… Du, die Eltern sind völlig fertig, weil du und T. nächsten Sonntag kommt. Die rufen mich ständig an und fragen so Dinge wie ‹Was kocht man denn bei so einem Anlass?› Sage ich: ‹Na was habt ihr denn gekocht, als ich die Patrizia nach Hause gebracht hab’?› Aber das hilft ihnen auch nicht weiter, die sind sowas von unentspannt. Irgendwann ging mir das so auf die Nerven, dass ich gesagt hab’: ‹Wisst ihr was? Am besten, ihr kocht eine Ochsenzunge an Stierhoden›, ich glaub’, das wär irgendwie passend.»

Mein Bruder und ich lachen uns krumm, aber gleichzeitig tun mir meine Eltern so leid. «Was tue ich den armen Bärlis da nur an», denke ich und bereue die ganze Aktion bereits. Dann kommt also dieser Sonntag und ich fahr mit T. nach St. Pölten. Meine Eltern stehen festiv und hochamtlich nebeneinander im Vorraum mit gefalteten Händen, als ob sie die Königin von England in Empfang nehmen wollten. Eine unerträglich förmliche Begrüssungszeremonie entfaltet sich, bis mein Bruder Masi endlich einspringt und T. an der Schulter nimmt und ihn ins Wohnzimmer führt. Masi und Patrizia verwickeln T. sofort in ein Gespräch, so dass ich mit meinen Eltern in die Küche verschwinden kann.

Mein Vater: «Máshállah! Ghatr boland-o khoshtip! Kheili khosham umad ke goldun baraye mádaret ávord! Ma’alume ke marde dorost hesábi-e!» (Gottseidank! Er ist grossgewachsen und gutaussehend! Es gefällt mir, dass er deiner Mutter Blumen mitgebracht hat! Er ist ein anständiger und wohlerzogener Mann! Das merkt man sofort!)

Meine Mutter hyperventilierend: «Ja wirklich! Sehr lieb … sehr nett … sehr fesch … Ramin, komm, hilf mir beim Servieren! Ich bin hinten nach … ich bin mit gar nichts fertig geworden. Der Reis kocht immer noch und die Melanzani sind nicht durch und …»

Mein Vater geht zu Masi, Patrizia und T. ins Wohnzimmer, während meine Mutter und ich kochen. Einige Zeit später trage ich das Khoreshte Bádemjun (Melanzani-Khoresht) ins Wohnzimmer, da sehe ich, dass die vier auf der Couch sitzen und alte Fotoalben anschauen und lachen.

T: «Wahnsinn! Das hat mir Ramin gar nicht erzählt, dass er früher so ein Fester war!»

Bruder: «Fest ist gut! Er war fett! (hahaha)!»

Vater: «… Fest! (hahaha) Na, das musst du als sein Freund jetzt so sagen. Fest! (hahahaha)»

Ich geh’ zurück und hol den Teller mit dem Reis und trage ihn ins Wohnzimmer.

Vater: «… Er war immer ein Dickschädel! Lass dich davon nicht aus der Ruhe bringen! …»

Masi und Patrizia nicken zustimmend.

Bruder: «… Ja! Ein totaler Dickschädel! Aber wenn du dich einmal daran gewöhnt hast, ist er der beste Freund, den man sich vorstellen kann! …»

Ich laufe zurück in die Küche und ergreife den Teller mit den Kräutern und will zurückrennen, als meine Mutter aufschreit: «Halt! Da fehlt noch das Tarkhun (Estragon)!»

Ich: «Sch**** aufs Tarkhun! Ich muss hören, was die über mich reden!» und renne ins Wohnzimmer.

Vater: «… Wir sind so froh, dass er endlich jemanden gefunden hat, der weiss, wie man mit ihm umgeht! Der weiss, wie man ihn fängt! Wie man ihn hält! …»

T. (mit Tränen in den Augen): «… Ich hab’ ihn wirklich sehr gern! …»

Vater und Bruder klopfen ihm auf die Schultern.

Vater: «Du gehörst jetzt zur Familie, mein lieber T.! Du bist wie ein Sohn für mich!»

Und ich steh’ da mit meinem Kräuterteller, und alle liegen sich grad’ in den Armen und schluchzen, und ich denke mir: … Schön, dass meine Familie so schnell warm wird. A bissl sehr schnell für meinen Geschmack. Schneller als man schauen kann.