Der ehrliche Klappentext

«Was bleibt. Über die Dinge, die wir zurücklassen» von Susannah Walker

Die britische Autorin Susannah Walker räumt das Haus ihrer verstorbenen Mutter auf, die eine Messie war. Sie trägt nicht nur Abfallberge ab, sondern ordnet auch die Beziehung zu ihrer Mutter. Was bleibt ist eine kluge Meditation über Menschen und ihre Dinge und ein berührendes Manifest der Trauer um eine Mutter, die schon immer fehlte.
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Freitag, 07. Dezember 2018

Als Susannah Walker nach Jahren erstmals wieder das Haus ihrer Mutter betritt, findet sie ein unvorstellbares Chaos vor. Das Dach ist halb eingestürzt, durch eine zerborstene Fensterscheibe wuchern Schlingpflanzen in die Küche, und Papiersachen stapeln sich sogar auf den Treppen. Der Modergeruch ist überwältigend. In der Küche findet sie eine geöffnete Konservendose mit einer Gabel, die in den mittlerweile vergammelten Baked Beans steckt. Ihre Mutter ist nicht da. Grund dafür ist ein Notfall: Sie war gestürzt und befindet sich im Spital. Ein Polizist hatte Walker Stunden zuvor informiert. Seine Stimme am Telefon klang vorwurfsvoll – wie konnte sie die Mutter dieser Verwahrlosung preisgeben? Warum konnte es so weit kommen?

Die Frage stellt sich auch die Tochter. Walker wusste bis zu diesem Moment nichts von der Horterei ihrer Mutter, denn sie hatten seit Jahren nur mehr telefonischen Kontakt. Eine Antwort der Mutter erhält sie keine mehr – diese stirbt überraschend im Krankenhaus.

Für die Tochter beginnen nun Monate des Aufräumens. Woche für Woche setzt sie sich in ihr Auto und fährt für einen Tag zum Haus der verstorbenen Mutter in die Provinz, um sich für einige Stunden der Unordnung und ihren widersprüchlichen Gefühlen zu stellen.

Gegenstand nach Gegenstand schaut Walker sich dabei an. Die Dinge wecken Erinnerungen. Viele davon sind traurig. Die Mutter litt nach dem frühen Tod eines Kindes an wiederkehrenden Depressionen. Walker und ihre Geschwister wuchsen nach der Trennung der Eltern beim Vater auf. Unter Bergen von alten, feuchten Zeitungen und Korrespondenz findet sie Briefe an ihre Mutter. Sie zeugen von der grossen Distanz der Mutter zum Kind: «Wenn ich mir die Briefwechsel heute anschaue, springt mir ins Auge, wie oft sie sich dafür entschuldigt, meinen Geburtstag vergessen zu haben.»

Was bleibt ist Susannah Walkers autobiografischer Versuch, Ordnung in die Beziehung zu ihrer Mutter zu bringen und das traurige Leben der fremd gebliebenen Frau zu rekonstruieren. Sie tut dies mit Hilfe von ausgewählten Fundstücken, die die Erzählung strukturieren. Akribisch beschreibt die Autorin dabei das nuancierte Wechselspiel von Sehnsucht und Abwehr, mit dem der Tod der Mutter sie zurücklässt. Indem sie das Chaos abträgt, ringt sie um Raum für ihre Gefühle, die gerade deshalb so diffus sind, weil die Mutter von Anfang an fehlte. Hatte diese sie im Grunde nie geliebt? Unter den Schmerz mischen sich Schuldgefühle, Wut, Hass und Angst. Nach und nach wächst ihre Erkenntnis, der Mutter doch ähnlicher zu sein als angenommen, eine Entdeckung, die Walker anfangs nur schwer akzeptieren kann. Patricia Gilmour wurde Horterin, klammerte sich an Dinge, während Susannah Walker Designhistorikerin ist. Es sind sehr unterschiedliche Lebensläufe, doch was die Frauen verbindet, ist die Liebe zu Gegenständen.

Walkers Roman umkreist diese gemeinsame Faszination. Neben einer literarischen Verarbeitung ihrer Trauer ist er auch eine Meditation über die Beziehung der Menschen zu ihren Dingen. Walker findet im Reliquienkult ebenso wie im überstellten Wohnzimmer der Viktorianer jene Verhaftung mit ihnen, die auch Messies eigen ist. Immer weniger versteht sie die Horterei der Mutter als eine psychische Anomalie und immer mehr als eine urmenschliche Form der Sprache. Wenngleich es eine traurige ist, wie sie gegen Ende des Buches festhält: «Der dunkle Strudel aus Gefühlen von Trauer und Wertlosigkeit, der sich in ihrem Inneren verbarg, hatte sich nach aussen in Form von Zeitungen, Plastiktüten und anderem Gerümpel manifestiert. Das Werk, das meine Mutter erschuf, verlieh ihren Verlusten und Leiden einen Wert, indem sie sie sichtbar und konkret machte.»

Was bleibt ist eine berührende Liebeserklärung an eine abwesende Mutter. Das Buch ist traurig, aber nicht ohne Trost, denn es gelingt der Autorin, der Mutter einen Platz in ihrem Leben zu geben.

Susannah Walker: Was bleibt. Über die Dinge, die wir zurücklassen. Kein&Aber, Zürich und Berlin 2018; 422 Seiten; 23.20 Franken.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.