Die reformierte Fussnote

Warum gibt es in der Schweiz keinen Kirchentag?

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Autorin: Vanessa Buff
Illustration: Jannis Pätzold
Freitag, 05. Juli 2019

Sich über den Deutschen Evangelischen Kirchentag lustig zu machen ist denkbar einfach. Über die Schals, Windlichter und überhaupt den ganzen Happy-clappy-Groove dieses grossen Protestantentreffens, das gerade wieder einmal über die Bühne gegangen ist. Gott sei Dank, dass wir hier in der Schweiz von so etwas verschont bleiben, könnte man schreiben. Doch die Sache ist komplizierter. Denn neben Posaunen, Praise und Pommesbuden ist der Kirchentag vor allem eines: politisch. Dieses Jahr zeigte sich das daran, dass die Organisatoren sich weigerten, Vertreter der rechtsnationalen AfD zu den Diskussionsveranstaltungen einzuladen. Der Übergang zum Rechtsextremismus und zu verfassungsfeindlichen Netzwerken sei in der Partei mittlerweile fliessend, hatte Kirchentagspräsident und Journalist Hans Leyendecker im Vorfeld dazu gesagt. In der Abschlusspredigt sprach sich dann Pastorin Sandra Bils klar für die Rettung von in Seenot geratenen Flüchtlingen aus. «Lebenretten ist kein Verbrechen, sondern Christenpflicht. Man lässt keine Menschen ertrinken! Punkt!» sagte sie.

Der Deutsche Kirchentag versteht sich schon seit seinen Anfängen 1949 als Laienbewegung, die an die Verantwortung der Christen in der Welt erinnern will. Geprägt war er zunächst von Kriegserfahrungen und der drohenden Spaltung des Landes. Heute wird während des alle zwei Jahre stattfindenden Events über fast alles von Umwelt über Globalisierung bis hin zu Frauenrechten diskutiert. Einmischung ist dabei ausdrücklich erwünscht, und Politiker wie Kanzlerin Angela Merkel, Juso-Chef Kevin Kühnert oder Bundespräsident FrankWalter Steinmeier nutzen die Treffen für ihre Anliegen.

Das kommt an: Den fünftägigen Kirchentag in Dortmund besuchten diesen Juni 120 000 Menschen; während des Kirchentages im Reformationsjahr 2017 kamen gar allein so viele Besucher an den Abschlussgottesdienst in Wittenberg. Glaube, das zeigen diese Grossveranstaltungen eindrücklich, ist in Deutschland sowohl öffentlich als auch politisch. In der Schweiz dagegen fehlt diese Tradition. Lieber krempeln die hiesigen Reformierten die Kirchenstrukturen um (was einem, zugegeben, auch sehr viel Kritik einbringen kann), als sich öffentlich zur «Ehe für alle» zu bekennen oder klare Kante gegen eine restriktive Asylpolitik zu zeigen. Zu gross ist die Angst, dass man mit einer Stellungnahme den Eindruck erwecken könnte, für alle Reformierten sprechen zu wollen. Das vielbeschworene Selber-Denken führt – kombiniert mit einer guten Portion Kantönligeist – paradoxerweise dazu, dass man sich manchmal lieber gar nicht äussert, als Gefahr zu laufen, jemandem auf die Füsse zu treten oder Kirchenmitglieder zu vergraulen.

Das ist der Grund, warum ein Schweizer Protestantentreffen niemals die – wenn auch leicht esoterische – Klasse des Kirchentages in Deutschland erreichen könnte. Man stelle sich nur vor, wie Gottfried Locher und Ueli Maurer mit Barack Obama auf der Bühne sitzen und dabei die Selbstbestimmungsinitiative der SVP diskutieren – es will einem einfach nicht so recht gelingen. Doch was wäre ein Kirchentag ohne diese politische Dimension? Wohl eben doch nicht viel mehr als Posaunen, Praise und Pommesbuden.

Vanessa Buff ist Redaktorin bei bref.

Der Illustrator Jannis Pätzold lebt und arbeitet in Berlin.