Der ehrliche Klappentext

«Unter diesen Linden» vom Autorenkollektiv AJAR

Das Westschweizer Autorenkollektiv AJAR wagt mit Unter diesen Linden ein literarisches Experiment. Das Resultat berührt: Der Roman zeichnet ein schemenhaftes und doch konzises Psychogramm einer Frau, die einst ihr Kind verlor.
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Autorin: Gisela Feuz
Freitag, 02. März 2018

Das Buch beginnt mit dem Vorwort eines gewissen Vincent König. Er berichtet, wie ihm die Schriftstellerin Esther Montandon ihr Archiv anvertraut habe. Darunter habe sich auch eine Sammlung von Eindrücken, Gedanken und Erinnerungen befunden, eine «Soziologie der Trauer», denn Esther Montandon habe ein traumatisches Erlebnis verarbeiten müssen.

Wie sich dem Nachwort entnehmen lässt, ist Vincent König genauso fiktiv, wie es Esther Montandon und ihre Nachlassschriften sind. Unter diesen Linden ist ein Gemeinschaftswerk des Kollektivs AJAR (Association de jeunes auteur-e-s romandes et romands), ein Kollektiv, das rund zwanzig Jungautoren umfasst. Es sind diese Autorinnen, die Esther Montandon «gemeinsam zur Welt brachten». Jedes Mitglied des Kollektivs habe anhand einer Themenliste jeweils ein Kapitel des Romans verfasst, wobei dieses in der Folge von allen anderen Mitschreibenden rigoros überarbeitet worden sei.

Um es vorwegzunehmen: Das Schreibexperiment von AJAR ist geglückt. Man merkt dem Text nicht an, dass hier viele verschiedene Federn mitverfasst haben, obwohl man im Wissen um die Versuchsanlage beim Lesen automatisch nach Brüchen und Unstimmigkeiten sucht. Die rigorosen Überarbeitungen und systematischen Streichungen haben dazu geführt, dass Unter diesen Linden ein gleichzeitig skizzenhaft-luftiges und doch präzises Psychogramm einer Frau geworden ist, die versucht, ihre Seelenqualen zu bewältigen.

AJAR hat die Geschichte rund um Erzählerin Esther Montandon in den 1960er Jahren angesiedelt. In schlichter und ergreifender Sprache schildert die Schriftstellerin rückblickend die traurigen Ereignisse rund um den Tod ihrer dreijährigen Tochter Louise. Diese sei ein lang ersehntes Wunschkind gewesen, fast zehn Jahre lang hätten sie und ihr Mann Jacques auf die Geburt ihrer Tochter warten müssen, hält Montandon fest. Sie berichtet von ihrer eigenen Verletzlichkeit während der Schwangerschaft, dem grossen Glück, das mit der Geburt von Louise Einzug gehalten habe, und der Eifersucht, die sie selber auf ihren Mann empfunden habe, weil Louises erstes Wort «Papa» gewesen sei. Vieles wird dabei nicht explizit ausformuliert, sondern bleibt angedeutet, wird in Handlungen gespiegelt oder später beiläufig nachgereicht. So auch das Unfassbare: «Louise ist hinuntergefallen», heisst es da sachlich, wobei die Nüchternheit der Sprache in Kontrast steht zum erschütternden Inhalt: Die Dreijährige stürzt aus dem Fenster eines Hochhauses zu Tode.

Die Autorin versucht ihre unendliche Traurigkeit im Schreiben zu verarbeiten. Dabei werden ihre Verarbeitungsmechanismen offengelegt: Verdrängen des Unsäglichen, Wut über das Glück anderer Familien, Hadern mit der vermeintlichen Anteilnahmslosigkeit des Umfelds und mit Gott, der die Tochter hat fallen lassen. Erst mit beachtlicher zeitlicher und örtlicher Distanz beginnen Esther Montandons Wunden langsam zu heilen.

In Unter diesen Linden hat das Kollektiv AJAR ein eindrückliches Frauenschicksal entworfen. Die Diskrepanz von Gefühlen und Verstand, von verbaler Kargheit und hochkomplexer Tragödie macht das literarische Experiment zum empfehlenswerten Leseerlebnis. Die Reflexionen der Esther Montandon verdeutlichen auch, wie wenig Raum für Leid und Gram in unserer heutigen Gesellschaft ist, eine Gesellschaft, die das Trauern zum Tabu erklärt hat.

AJAR: Unter diesen Linden. Lenos, Bern 2017; 124 Seiten; 26 Franken.

Gisela Feuz ist Kulturjournalistin in Bern.