Aus der Herzkammer

Türke, unsportlich

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 06. November 2020

Ich hatte im Gymnasium in allen intellektuellen Fächern immer sehr gute Noten. Ich interessierte mich eigentlich für alle davon: für die Sprachen genauso wie für die Naturwissenschaften oder die Psychologie und Philosophie, sowie für die Musik, die im Gymnasium ein reines Wissensfach war.

In Sport und Bildnerischem Gestalten hingegen war ich ein Totalschaden, da mich beides nicht im geringsten interessierte. Und das war mit Sicherheit meine grosse Schwäche und mein Versäumnis im Gymnasium: Wenn ich mich für etwas nicht interessierte, dann ignorierte und boykottierte ich es einfach, auch wenn es der Lehrplan verlangte.

Aber abgesehen davon, dass ich Sport nicht mochte und ich mich dem Unterricht zugegebenermassen mehr oder weniger verweigerte, hatte ich auch einen sehr schlechten Lehrer in diesem Fach.

Herr Magister Rudolf G., ein miserabler Pädagoge und ein Rassist.

Er machte sich über alle Schüler mit nicht-bio-österreichischem Namen lustig und bezeichnete uns alle pauschal als «Der Tirk.» Der Türke.

«Wie haasstn der Tirk dåda?»

«Sogts dem Tirken, er sui des Reck aufstön!»

Und er führte unsportliche Mitschüler mit Genuss vor. Ich war sein delikates Lieblingsopfer.

«Tirk» und unsportlich. Jackpot!

Und so machte er sich all die Jahre immer über mich lustig, um die anderen zu motivieren oder zu tadeln:«Geh’ Burschen, kummts! Gemma! Des schåfft jå sogoar der Nikzad!»

«So unfähig is jå net amoi der Nikzad!»

«So behindert wie du is jå net amoi der Nikzad!»

Usw. usf.

Und so kam er im März der 6. Schulstufe zu mir und sagte: «Nikzad, wånn du bis Juni net dreiss’g Klimmzüg’ schåffst, kriagst an Fünfer in Spurt und muasst de Klassen wiederhoin.»

Das war 1995, und damals ist man mit einem Fünfer, der in der Schweiz einer Eins entspricht, tatsächlich noch sitzengeblieben.

Als ich an diesem Tag nach Hause kam, merkte meine liebe Mutter, dass etwas nicht stimmte. Sie strich mir über den Kopf und sagte:«Was ist denn los, mein Schatz? Du bist heut’ so bedrückt und so still. Stimmt was nicht?» Ich heulte los und warf mich an die Brust meiner lieben Mutter und umarmte sie ganz fest.

Da kam mein Vater ins Wohnzimmer und sagte: «Was ist los, Rámin-ján! Sag uns, was los ist!» Ich erzählte ihnen von meinem Turnlehrer Rudolf G. und seinen Demütigungen und seinem Ultimatum, das er mir an jenem Tag gestellt hatte.

Am nächsten Tag gingen meine Eltern in die Schule und suchten das Gespräch mit Rudolf G. Dieser bestätigte mein Klimmzugultimatum. Er stand dazu und bekräftigte, dass es seine Befugnis als Lehrer sei, Prüfungen anzukündigen und auch durchzuführen.

Mein Vater hörte ihm zu und nickte. Dann sagte er: «Natürlich, Herr Magister G. Das ist Ihr gutes Recht und Ihre Befugnis und meine Frau und ich akzeptieren und respektieren das vollkommen. Aber ich will Ihnen, Herr Magister, nur eine Sache sagen: ‹Wenn Sie mein Kind noch ein einziges Mal vor seinen Mitschülern lächerlich machen, dann schneid’ ich Ihnen Ihre **** ab!›»

Rudolf G. erstarrte mit offenem Mund.

«Ich schneid’ Ihnen Ihre **** ab. So wahr ich hier stehe. Haben Sie mich verstanden?»

G. nickt leichenblass.

Naja, was soll ich sagen, die dreissig Klimmzüge musste ich interessanterweise nie machen. Ich erhielt ein «Befriedigend» in Sport.

Die Drohung meines Vaters war natürlich unentschuldbar und inakzeptabel.

Aber sie hat gewirkt.

Und ich liebe ihn dafür.