Überschätzt – Unterschätzt

Das Tohuwabohu

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Donnerstag, 07. August 2025

«Tohuwabohu!», schrie mein belesener Grossvater und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als das Kind im Federschmuck und behangen mit Pfeil und Bogen durch die Wohnung jagte und dabei allerhand zu Bruch ging.

Das Wort merkte ich mir. Ich war sicher, dass dies der Name eines legendären Häuptlings sein musste. Bis ich lernte, dass der Begriff ein anderes Wort für Chaos und heilloses Durcheinander ist. Ein solches, eben ein Tohuwabohu, entstand in meinem Kopf, als ich erkannte, dass sich der hebräische Ausdruck ganz anders herleitet. «Tohu» steht für wüst oder leer, «bohu» für öde.

«Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.» So beginnt die Genesis nach Moses. Beim zweiten Satz werde ich stutzig: «Die Erde war wüst und leer.» So übersetzt es Luther.

Ja was nun? War die Erde eine chaotische, brodelnd-zischende Ursuppe oder totes Ödland? Und fand Gott jene Öde bereits so vor, als er mit seiner Schöpfung loslegte, oder hat er die Ödnis selbst erst erschaffen?

Dass aus dem Nichts ein All wird, ist paradox genug. Jeder, der nicht an Wunder glaubt, muss diese Erkenntnis mühevoll physikalisch ergründen. In der Wissenschaft, habe ich mir sagen lassen, bedeutet ein Nichts nicht rein gar nichts. Ein Vakuum im Weltall kann demnach einen Zustand ohne Teilchen definieren. Energie fliesst trotzdem. Unser Wissen über das Entstehen und Vergehen der Galaxien ist nicht mehr buchstäblich aus der Luft gegriffen wie im biblischen Text der Schöpfungsgeschichte.

Mich fasziniert deren Anfang als sinnbildliches Konstrukt. Es lässt Raum, die grosse Unordnung zu denken, den Seinszustand zu erspüren, bevor die Schöpfung Gestalt angenommen hat. Noch sind die Optionen, wohin die Reise gehen kann, unermesslich. Noch hat sich keine Richtung herausgebildet, die andere Möglichkeiten ausschliesst.

Noch ist längst nicht alles ausgelotet und vermessen. Diese Phase beschreibt den kreativsten Moment der Existenz. In der Kirchengeschichte galten Zustände, in denen bestehende Ordnungen in Frage gestellt werden, als bedrohlich. Sie werden dem Teufel zugeschrieben, dem «diabolos» – «Durcheinanderwürfler».

Die griechische Entsprechung des hebräischen Tohuwabohu ist das Chaos, die gähnende Leere. Die westlichen Philosophien betrachten es als alles verschlingenden Abgrund, der wie ein schwarzes Loch jedwedes in sich aufsaugt, die fernöstlichen Heilslehren sehen in der ungeheuren Ausdehnung von Raum und Zeit unerschöpfliche Möglichkeiten. Die Leere gähnt und eröffnet Neues. Der Philosoph Walter Benjamin sagte: «Am Rande des Abgrunds kommt es auf Haltung an.»

Bild: akg-images

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