Aus der Herzkammer

Sprachpolizei

Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 16. April 2021

Nach einem Jahr in New York verstand ich, was so ärgerlich an «Manspreading» war. Junge, langgliedrige Männer, die auf den seltenen New Yorker Subway-Sitzgelegenheiten ihre Beine aufs äusserste spreizen, so mehr Platz als nötig beanspruchen und Präpotenz markieren.

Nach dem «Manspreading» kam das «Mansplaining»: Männer, die Frauen die Welt erklären. Eine Unart. Eine arrogante Selbstherrlichkeit. Und im übrigen möchte ich hinzufügen, dass jene Männer nicht nur den Frauen die Welt erklären, sondern auch ihren männlichen Zeitgenossen.

Die Behauptung vieler Männer im Zuge der MeToo-Bewegung, dass man bald gar nichts mehr zu einer Frau sagen dürfe, fand ich immer selbstmitleidstriefend und weicheierhaft.

Nach dem «Manspreading» und dem «Mansplaining» kam das «Mansclaiming». Es beschreibt die vermeintliche Unsitte von Männern, Erfolge von Freundinnen und Partnerinnen durch Bekunden von Stolz für sich selbst zu vereinnahmen. Ein Beispiel: Eine Architektin postet auf Facebook, dass sie einen Wettbewerb zum Bau einer Bibliothek gewonnen hat, und ein Freund kommentiert: «Ich bin stolz auf dich!»

In diesem Verhalten sah die Autorin einer deutschen Wochenzeitung einen Akt patriarchaler Vereinnahmung: Der Mann erhebe sich durch das Gefühl von Stolz über die Frau und ihren Erfolg. Er reklamiere so den Erfolg der Frau für sich. Und damit unterstelle er, dass die Frau diesen beruflichen Erfolg ihrer Freundschaft zu ihm, dem Manne, zu verdanken hätte.

Ludwig Wittgenstein war lange Zeit der Ansicht, dass Sprache einzig dazu diene, Wahrheit abzubilden.

Einer meiner Professoren hielt die Aussage Wittgensteins für verrückt. Nur ein Autist könne auf die Idee kommen, Sprache als Wahrheit und nicht als Ausdruck zwischenmenschlicher Kommunikation zu verstehen.

Wenn jemand also sagt: Ich bin stolz auf dich!, dann kommt nur ein Autist auf die Idee, dass dieser Mensch damit seinen eigenen Selbstwert erhöhen möchte.

Alle anderen sehen in den Worten «Ich bin stolz auf dich!» eine Gratulation, eine Wertschätzung, eine Liebesbekundung.

Wenn jetzt ein «Ich bin stolz auf dich!» tatsächlich schon als Akt patriarchaler Vereinnahmung gilt, dann habe ich immer mehr Verständnis für die selbstmitleids­triefenden und weicheierhaften Männer, die sagen, dass man bald gar nichts mehr zu einer Frau sagen darf.

Ich persönlich muss mir von einem Mann ja gar nichts sagen lassen, da ich gar keinen habe und gar keinen haben will, da ich persönlich meine Ruhe haben will. Vor allem von Männern meine Ruhe haben will.

Euch Frauen, die ihr mit Männern sein wollt, möchte ich aber zurufen: Lasst diese humorlose Wortklauberei und lasst diese selbstgerechte Sprachjustiz. Und falls doch, beklagt euch bitte nicht darüber, dass eure Männer nicht reden.