Aus der Herzkammer

Sollen und Werden

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 13. August 2021

Sie isst ihr Frühstück. Einen Kornspitz mit Butter und Marillenmarmelade und einen Kaffee mit Milch und Zucker. Sie soll Zucker vermeiden, sagt der Nikzad, aber einen Kaffee ohne Zucker kriegt sie nicht runter. Ihren Kaffee mit Milch und Zucker in der Früh lässt sie sich nicht nehmen. Auch nicht vom Nikzad. Dann zieht sie sich an. Ein rotes Kleid und rote Schlüpfer dazu. Sie steht vorm Spiegel und trägt sich einen roten Lippenstift und ein bisschen Rouge auf.

Sie bürstet sich das Haar, schaut in den Spiegel, schaut sich in die Augen. Oid soi ma net werdn, denkt sie. Alt sollte man nicht werden. «Du bist so a scheene Frau», hat der Herbert immer gesagt. Siebzig war sie, als ihr Mann gestorben ist. Jetzt ist sie 87. Ihr Herbert hat ihr bis zuletzt immer gesagt, wie schön sie ist. Denkt sie und fährt mit ihrem Rollator ins Stiegenhaus, verschliesst die Tür und holt den Aufzug. Die zweihundert Meter bis zum Laden werden immer qualvoller. Aber sie geht sie. Sie quält sich jeden Tag dorthin. «Es ist wichtig, dass Sie jeden Tag in Bewegung bleiben!», sagt der Nikzad immer. Sie hat ihm das versprochen, und so macht sie das halt. Aber eigentlich ist es eine Tortur, wo mir eh alles wehtut. Aber vielleicht hat der Nikzad recht. Vielleicht tut es mir irgendwie gut.

Sie kauft ein Beiried, Eierschwammerl, ein Obers, ein Packerl Spätzle und einen Eisbergsalat. Ich mach mir ein Beiried mit Schwammerlsauce und Spätzle und einen Salat dazu, denkt sie, packt alles in ihren Rollatorkorb und macht sich auf den Heimweg. Auf halbem Weg stolpert sie über einen Randstein. Ihr Rollator schiesst nach vorne weg, und sie fällt mit voller Wucht auf den Bauch. Ihre Nase schlägt gegen den Asphalt, und ihre Knie reiben sich wund und brennen. Einige Leute laufen zusammen und helfen ihr auf.

«Sollen wir die Rettung rufen?», fragt eine Frau. «Na, bitte net! Keine Rettung bitte. Mir geht’s gut! Des sant nur ein paar Schürfer. Nix Bsonders. Ich hab einen Franzbranntwein zhaus. Den tua i drauf, und die Gschicht håt si. Ruafts ma bitte net die Rettung!» – «Aber Ihre Nase könnte gebrochen sein! Das sollte man vielleicht röntgen?» – «Na und? Soll s’ brochen sein! I mecht eh kane Schenheitswettbewerbe mehr gwinna.» Sie ergreift die Griffe ihres Rollators und schaut, dass sie weiterkommt, möglichst schnell wegkommt von dieser hysterischen Meute. «Danke! Vielen Dank! Sie habm mir sehr geholfen! Vielen Dank!»

Sie fährt weg, so schnell sie kann. Im Hintergrund werden ihr noch Dinge hinterhergerufen. «Sind Sie Tetanus-geimpft?» – «Innere Blutungen spürt man oft nicht gleich!» Geh bitte, lassts mi in Ruah, denkt sie sich. Als ob des ois nu irgend a Rolln spülat. Nach rund fünfzig Metern bleibt sie stehen. Sie kriegt keine Luft. Sie schaut hinunter auf ihre Beine. Das Blut rinnt ihr von den Knien in die Schuhe. Vielleicht sollt si des der Nikzad anschauen, fragt sie sich. Aber der schickt sie auch nur wieder ins Röntgen und womöglich sogar ins Unfallkrankenhaus. Nein, sie wird sich zuhause Eis auf die Nase legen und die Knie mit Franzbranntwein einschmieren. Schluss fertig. Entschieden stemmt sie sich wieder gegen ihren Rollator, um weiterzufahren, als sich plötzlich alles dreht. Sie lehnt sich mit dem Oberkörper gegen den Rollator. Ihr ist kotzübel. Sie schliesst die Augen und wartet, bis das vorbeigeht.

Alt sollte man nicht werden. «Aber jung sterben ist auch nicht schön», antwortet der Nikzad dann jedesmal und lacht. Na schön, dass er darüber lachen kann. Mal schauen, wie viel der zu lachen hat, wenn er selbst mal alt ist.

Lesen Sie hier den zweiten Teil.