Aus der Herzkammer

Sollen und Werden – Teil 2

Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Autor: Ramin Nikzad
Mittwoch, 15. September 2021

Fortsetzung von Teil 1 (bref 7/2021)

Kinder sollte man haben, damit man im Alter ein bisserl Unterstützung hat, sagen einem die Leut’. Ich wollt ja eh immer Kinder und der Herbert auch, aber es ist uns halt nicht gelungen, denkt sie. Es ist uns einfach nicht gelungen. Die Doktoren haben nichts gefunden. «Sie und Ihr Mann sind völlig gesund, wir haben nichts gefunden!» Wir haben nichts gefunden, sagen die Doktoren immer, wenn sie auf nix draufkommen, denkt sie vornübergebeugt mit geschlossenen Augen, halb liegend auf ihrem Rollator, mitten auf der Assmayergasse im 12. Bezirk am hellichten Tag. Der Nikzad findet auch nie was. Er is ja recht lieb, hört mir zu und schaut, was er tun kann. Aber für meine Schmerzen und meine Schwäche hat er bisher auch nix gefunden. Zumindest nix, was wirkt. Einen Mann sollt’ ma haben, wenn man schon keine Kinder hat, damit ma nicht ganz so hilflos is im Alter, sagen einem die Leut. Der Herbert und ich wollten eh immer zusammen alt werden. Aber auch das ist uns nicht gelungen.

«Brauchen Sie Hilfe?» fragt jemand plötzlich. Eine junge Frau steht neben ihr und sieht sie besorgt an. «Na danke, es geht scho! Das ist sehr lieb, dass Sie fragen!» Sie lächelt und drückt der lieben jungen Frau die Hand. Diese lächelt zurück und erwidert ihren Händedruck. Sie fühlt sich besser. Der Schwindel und die Übelkeit sind vorüber. «So, jetzt geht’s mir wieder gut!» sagt sie zu der jungen Frau. «Danke nochmals! Das war sehr lieb von Ihnen!» Die junge Frau legt ihr die Hand auf die Schulter, lächelt und geht. Sie stützt sich wieder auf ihren Rollator und geht einige Schritte, dreht sich dann um und betrachtet das junge Mädel von hinten. Ihr Haar schwingt und glänzt. So ein schönes junges Mädel, denkt sie. Sie geht weiter und erreicht ihr Wohnhaus.

Im Hof spielen die Kinder der Nachbarn. Sie schreien und quietschen und lachen. Die Eltern sitzen auch am Spielplatz auf einem Bankerl. Als sie sie sehen, stehen sie auf und kommen zu ihr: «Frau G., buluten Sie! Oh! Oh! Oh! Buluten Sie, liebe Frau G.!» sagt der Mann, um dann etwas seiner Frau auf Türkisch zu sagen. Diese geht sofort los. «Meine Frau holt Pfelaster und Desinfeksion.» – «Na i håb eh an Franz … an Franzbrand … an Fr …» Sie geht in die Knie, ihr Nachbar fängt sie auf und trägt sie zum Bankerl. Sie hat plötzlich einen Weinkrampf. Sie kann plötzlich nicht mehr aufhören zu weinen. «Alles wird gut, liebe Frau G. Ist nur ein bisschen Bulut. Werden Sie wieder gesund!» Er nimmt ihre Hand. Sie drückt ganz fest zu, schaut ihn an und schluchzt: «A jeder sogt an, wås ma tuan soi in Lebn! Dass ma schauen soi, dass ma Kinder und Enkelkinder håt, und dass ma an Månn håt, damit ma net so alanich is, wåma oid wird. Die Leit sågn aan olle ständig, wås ma net ois tuan soi in Lebn, damit ma net alanich ivableibt in Lebn. Und ma vasuachts jå eh. Oba wås is, wånns aan anfåch net gelingt? Wås is dånn? Ha? Wås is dånn? Ha? Wås is wånn net? Wås is wånns aan anfåch net gelingt?»