Aus der Herzkammer

Schmerz und Schmäh

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 10. Januar 2020

Patientin Mitte vierzig mit offensivem, neckischem und ziemlich dunklem Schmäh. Ich entscheide, mich auf ihren scharfen Humor einzulassen, denn er ist ein heilendes Agens, das weiss man. Ausserdem macht mir das ja auch Spass.

Sie litt jahrelang an chronischen und therapieresistenten Spannungskopfschmerzen. Internistisch und neurologisch völlig gesund war sie umso ratloser und verzweifelter, als sie zu mir kam. Sie wolle es mit Akupunktur versuchen. No, versuchen wir’s, fand ich.

Klopfen wir auf Holz, nach drei Nadelungen war sie ohne Beschwerden.

Das war vor einem Jahr, und bis heute ist sie beschwerdefrei.

Sie kommt dennoch einmal im Monat zur Akupunktur. Zur Prophylaxe quasi.

Und jedesmal, wenn sie kommt, rennt zwischen uns dieser trockene und dunkle Schmäh, und für mich ist das auch jedes Mal eine willkommene Abwechslung.

Heute sie so: «Ja, mir geht’s eh gut. Keine Kopfschmerzen nach wie vor, aber ich hab so einen blöden grippalen Infekt grad.»

Ich: «Na gut, dann stech ich Ihnen ein paar Punkte für die Atemwege dazu.»

Einer dieser Punkte ist ziemlich schmerzhaft, aber sehr effektiv, und als ich ihn steche, schreit sie auf.

«Au! Was ist denn das für ein Punkt, den haben Sie noch nie gestochen!»

Ich: «Das ist einer dieser Punkte für die Atemwege.»

Sie: «… na super. Ich sag Ihnen nie wieder, dass ich verkühlt bin …»

Ich schmunzle.

Sie: «… müssen Sie immer gleich zustechen, wenn man einmal was sagt?»

Ich nicke bedeutungsvoll.

Sie: «Ich sag irgendwas dahin und Sie müssen sofort zustechen, oder wie?»

Ich: «Natürlich. Jedes Wort, das Sie sagen, ist mir eine Nadel wert.»

Sie: «Na servas, dann sag ich in Zukunft nie wieder ein einziges Wort!»

Ich: «Sehen Sie. So bringe ich meine Patientinnen zum Schweigen.»

Es funktioniert jedes Mal.