Aus der Herzkammer

Ratte in Weiss

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 14. Mai 2021

46jährige Patientin, seit einem Jahr in Behandlung. Arbeitsuchende Einzelhandelskauffrau. Alleinerziehende Mutter einer 16jährigen und eines 11jährigen. Fürsorge-Entzug steht zur Diskussion, angeregt durch Kindsvater und Ex-Ehemann.

Beim Erstkontakt vitale Bedrohung durch eine Major Depression. Soziale Isolation. Arbeitsfähigkeit nicht gegeben.

Nach medikamentöser Einstellung durch mich Vermittlung an einen Psychotherapeuten und an eine Sozialarbeiterin. Beide Kontakte führen Gott sei Dank zu andauernden und nachhaltigen therapeutischen Beziehungen.

Gestern, zwei Jahre nach dem Erstkontakt, war sie wieder bei mir.

Die Fürsorge für ihre Kinder ist ihr mittlerweile juristisch zugesichert worden.

Psychiatrisch ist sie seit einem guten halben Jahr stabil. Stimmung, Antrieb, Selbstwert und Schlaf sind gesund.

Sie: «Mir geht es endlich wieder gut!»

Eine neue Anstellung ist in Aussicht und sie freut sich, wieder ins Berufsleben einzusteigen.

Ich: «Es freut mich sehr, dass es Ihnen wieder gut geht. Sie haben sich in diesem Jahr schwierigen Problemen gestellt und diese auch gelöst.»

Sie: «Ja. Ich bin sehr froh, dass das alles so gut ausgegangen ist. Vor einem Jahr hätte ich mich von der Brücke gestürzt, wenn meine Kinder nicht gewesen wären. Aber Herr Doktor, darf ich Sie, ähm, ich weiss, da draussen warten viele Leute auf Sie, aber darf ich nur ganz kurz etwas, ähm, etwas rein Positives erzählen?»

Ich: «Ja natürlich! Ja klar!» (Insgeheim hoffe ich, dass es um eine Männergeschichte geht. Ich brenne auf solche Geschichten!)

In der U-Bahn auf dem Nachhauseweg denke ich an die Patientin und ihre Frage, ob sie mir etwas Erfreuliches, Tolles und Spannendes aus ihrem Leben erzählen darf.

Wie seltsam das doch ist.

Warum zweifeln so viele Patientinnen und Patienten daran, dass wir nicht genauso Ohr für ihre Freuden und Erfolge sind?

Die Frage ist falsch gestellt. Sie müsste andersrum lauten: Warum vermitteln wir Ärzte unseren Patientinnen und Patienten offenbar das Gefühl, dass wir uns nur für ihr Leid und ihre Schmerzen, ihre Übelkeit und ihren Eiter interessieren?

2003. Ich liege im zweiten Jahr meiner Lehranalyse auf der Couch meiner Analytikerin in Wien und bin bis über beide Ohren verliebt in einen CEO aus Berlin, den ich bei einem Praktikum kennengelernt habe. Ein Libanese mit Rooftop in Mitte, aber das tut jetzt nichts zur Sache.

Ich liege also auf der Couch meiner Analytikerin und erzähle ihr ganz aufgeregt und euphorisch von meiner Affäre mit meinem Berliner Alphamännchen und wie supertoll und aufregend mein Leben gerade ist.

Nach einiger Zeit sage ich: «Ähm, also, ich fühle mich jetzt grad irgendwie blöd, weil ich nur Positives und Tolles erzähle, wo es ja eigentlich um meine Probleme und Ängste gehen sollte.»

Meine Analytikerin, wie immer eher wortkarg und still, beginnt sich zu räuspern. Dann sagt sie tatsächlich: «Ich bin doch keine Ratte, die sich nur in der Kanalisation wohlfühlt!»

Ein Satz wie leider nicht aus dem Lehrbuch.