Roland Diethelm

Prinz Philips Begräbnis gehört in jedes Seelsorge-Praxishandbuch

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Freitag, 11. Juni 2021

Mit einer Abdankungspredigt, die auf das Wesendes Verstorbenen eingeht, kann ein Pfarrer bei Angehörigen punkten. Diese Überbetonung des Individuums verkenne eine grundlegende Wahrheit, schreibt Roland Diethelm.

Rituale üben uns ein in die Wahrheiten unseres Daseins. «Nackt bin ich gekommen aus dem Leib meiner Mutter, und nackt gehe ich wieder dahin. Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen, der Name des HERRN sei gepriesen.»

Die Begräbnisfeier des verstorbenen Prinz Philip, Lebensgefährte der Queen, zog eine ganze Nation und darüber hinaus ein Publikum in seinen Bann, wie es sonst nur Fussball-Weltmeisterschaften vermögen. Der letzte Gang des Staatsdieners inmitten seines Hofstaates, unter den Augen von Millionen. Im Sarg getragen von seinen Edlen. Ein letztes Mal bietet sein Hof dezent alles auf, was ihn auszeichnete.

Ein Heer von Uniformierten, deren Schweigen auch den Zuschauern zu schweigen gebietet, Salutschüsse der Kanonen, wenige Glockenschläge zwischen langen Pausen, die wie Mahnworte aus einer anderen Welt eindringlich herüberklingen. Wir Zuschauer nehmen teil an einer langen Prozession, im wörtlichen Sinne an einem Voranschreiten vor den Ewigen. Der Duke of Edinburgh vollbringt seinen letzten Gang vom Schloss Windsor zum Altar der St.-Georgs-Kapelle. Operation «Forth Bridge» nannte der Admiral seine letzte Unternehmung. Benannt nach der 1890 auf der Eisenbahnstrecke von Edinburgh nach Aberdeen erbauten Brücke, damals die erste und längste Stahlbrücke. Geplant hat er die Zeremonie offenbar minutiös, bis hin zu den biblischen Lesungen.

Was hier ein letzter Weg ist, steht sinnbildlich für das ganze Leben. Es ist die eigentliche Bestimmung des Menschen, vor seinen ewigen Schöpfer zu treten. Diese letzten Stunden setzen das ganze Leben zuvor in eine grosse Klammer; sie relativiert alles, was war, und nimmt doch seinen Ehren und Leistungen gar nichts weg. Im Gegenteil, sie ordnet den Menschen in eine noch viel höhere Ordnung ein, als es selbst die Royal Family mit ihren festen Traditionen und Regeln je war. In sich versunken und ergreifend allein, sitzt die Queen im Chorgestühl des gotischen Sakralraumes. Mit ihr fühlen wir Trauer, als ginge es um unser Leben, so menschlich erscheint in diesem Moment die Frau, die ihre staatstragende Rolle eisern bis zum Schluss durchhält.

Den spirituellen Höhepunkt bildet die Überant­wortung der Seele des Verstorbenen an Gott. In diesem Moment existiert die Seele ohne Zweifel, in diesem Ritual war sie noch einmal verbunden mit der trauernden Königin, mit den Millionen Zuschauern an ihren Bildschirmen. Und der kurlige Mann an der Seite der Jahrhundert-Queen, der immer wieder für Lacher und Irritation gesorgt hatte, ging ein als Inbild des treuen Dieners seiner Majestät, seines Landes und seines Gottes. Zeitlos schön die vierstimmige Musik, authentisch und stilecht die Gewänder des Erzbischofs und der anderen Kirchendiener für diesen Dienst in ihren Ämtern. Lesungen aus der Heiligen Schrift. Gebete aus dem Book of Common Prayers der anglikanischen Kirche. Kaum ein persönliches Wort, kein Lebenslauf und keine Predigt.

Manche meiner Pfarrkolleginnen und -kollegen hat es mächtig gestört, dass hier keinerlei Versuch gemacht worden war, in der Predigt auf die Individua­lität des Verstorbenen einzugehen. Also das, was landauf, landab bei jeder Abdankung versucht wird. Je näher am Individuum, desto tröstender, lautet die Devise, nach der auch die Qualität der Trauergottes­dienste bemessen wird. Und auch in den Handbüchern für Seelsorge und Kasualien steht geschrieben, dass der Tod nicht ein und derselbe sei und jeder seinen eigenen Tod sterbe.

Anders die Zeremonie aus dem Hause Windsor. Sie zeigt diese Wahrheit: Der Tod ist ein Casus, in den jeder einmal eintritt – und dann sind wir einander gleich. Jeder Mensch ist gleich in seinen elementaren Lebensvollzügen wie Geburt und Tod. Sie relativieren individuelle Charakterzüge, Leistungen und Fehler. Denn das Individuelle geschieht auf dem Weg zum Antlitz des Ewigen. Das verkündigt das Ritual. Und so ist es ein Trugschluss zu meinen, dass am 17. April die Predigt gefehlt habe. Die Zeremonie war die Predigt.

  • N° 5+6/2021

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