Aus der Herzkammer

Pride and Love and Prejudice

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 01. November 2019

Zwei Jahre nach meinem Comingout im Dezember 2000 war ich mit meinen Eltern im Iran, um die Familie zu besuchen.

Diese zwei Jahre waren hart. Mein Vater kämpfte und verhandelte und liess sich fast täglich neue «Tricks» einfallen, um mich für die Frauenwelt zu gewinnen.

Heute bin ich froh, dass er kämpfte und stritt und argumentierte. Damals war das mühsam und anstrengend für mich, doch rückblickend war es der richtige Weg für uns beide.

Was, wenn er mein Comingout stattdessen ignoriert hätte?

Ich glaube, wir wären uns heute fremd. Wir wären heute Fremde, die sich schmerzvoll und bitter aus der Ferne lieben. Und nichts ist schmerzhafter und bitterlicher, als jemanden aus der Ferne zu lieben, weil man denkt, es wäre zwecklos zu streiten, zwecklos, überhaupt miteinander zu reden.

Jedenfalls hat mein Vater also mit mir gekämpft und gestritten, bis er verstand, dass es ist, wie es ist, und dass sich da nichts machen lässt und dass er letztlich annehmen muss, dass die Pläne, die er sich für sein Kind gemacht hatte, durchkreuzt wurden.

Durchkreuzt wurden von eben diesem Kind, das er gemacht hat.

Jedenfalls fahre ich also mit meinen Eltern im April 2002 in den Iran, und eines Abends sitzen wir bei einem Cousin meines Vaters, den er immer sehr liebte. Die zwei waren die dicksten Freunde, sie sind ungefähr gleich alt und sie waren in ihrer Kindheit immer zusammen unterwegs in Bábol, der Heimatstadt meines Vaters am Kaspischen Meer, sie liefen gemeinsam über den Strand und spielten Fussball und sammelten Muscheln und Raupen, und sie heckten Streiche gegen ihre Eltern aus und so weiter und so fort.

Na, jedenfalls sagt mein Grosscousin an jenem Abend, ich weiss nicht mehr, in welchem Zusammenhang: «Diese Schwulen sind ein Abschaum! Die sollte man alle wegsperren. Mir ekelt vor ihnen!»

Mein Vater starrt ihn eiskalt an, ich kenne diesen eiskalten Blick, intuitiv lege ich meine Hand auf seine Schulter, vermutlich um ihn zu beruhigen, doch er legt schon los: «Du dummer Trottel, du! Was hast du denn für eine Ahnung, wovon du sprichst? Kennst du überhaupt einen einzigen Schwulen, du dummer ungebildeter Hinterwäldler?»

Ich streiche meinem Vater über den Nacken, ich massiere seine Schultern, nervös und in höchster Anspannung, mein Herz klopft.

«Anstatt den ganzen Tag nur dein Sch****-Kaváb in dich hineinzufressen, solltest du einmal eine Zeitung aufschlagen und dich informieren, was da draussen in der Welt passiert, du blöder Idiot! Wer glaubst du denn, wer du bist, dass du so über andere urteilst?»

Mein Grosscousin hat Schweissperlen auf der kreidebleichen Stirn, er weiss nicht, wie ihm geschieht. Er zittert. Mein Vater zittert auch. Vor Zorn.

Später, als wir wieder allein sind, sag’ ich zu meinem Vater: «Papa, ich weiss, dass du das für mich getan hast, und ich weiss das sehr zu schätzen, aber er ist dein bester Freund und er weiss es halt nicht besser, und ich will nicht, dass du deine Freundschaft zu ihm zerstörst wegen dieser Sache. Ich halt’ das schon aus!»

Mein Vater sieht mich an und sagt:

«Ich kann nicht meinen Mund halten wenn jemand so etwas über mein Kind sagt, sch****egal, wer er ist! Aber ich habe es nicht nur für dich getan! Ich habe es auch für mich getan! Ich weiss nicht mehr, wer dieser Mensch ist. Ich weiss überhaupt nicht mehr, wer diese ganzen Menschen hier in diesem Land sind. Ich bin froh, wenn wir wieder zurückfliegen nach Wien. Das ist meine Heimat, aber ich fühle mich wie ein Fremder hier. Alles hat sich verändert. Das ist nicht mehr das Land, in dem ich aufgewachsen bin …»