Der ehrliche Klappentext

«On the move – mein Leben» von Oliver Sacks

Kurz vor seinem Tod schrieb der berühmte Neurologe­ Oliver Sacks seine Autobiografie. Sie ist das Zeugnis eines Menschen, der zu ­Extremen neigte und zugleich eine grosse Sensibilität und Menschenfreundlichkeit besass.
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Autorin: Sylvia Senz
Freitag, 01. April 2016

Hätte Oliver Sacks im 19. Jahrhundert gelebt,­ wäre er vielleicht Universalgelehrter geworden. Oder ein sehr unglücklicher Mensch, weil es damals noch keine schweren Motorräder gab. Nicht nur Chemie, Biologie, Psychologie und Medizin hatten es ihm angetan, auch für Sport, Musik und Literatur – und für schwere Maschinen – begeisterte er sich. Und für das Schreiben. Seinen medizinisch-literarischen Fallberichten verdankte er seine hohe Bekanntheit ausserhalb einschlägiger Fachkreise. Nicht zu vergessen die berühmte Verfilmung seines ersten Buches, Awakenings (1973), mit Robin Williams und Robert De Niro (Zeit des Erwachens, 1990).

Sacks wurde 1933 in London geboren und studierte in Oxford. Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm: Beide Eltern waren Ärzte, ein Cousin war der israelische ­Minister Abba Eban, seine Familie jüdisch-orthodox. Die Religion, trotz einem Rabbiner in der Familie, scheint keine grosse Rolle gespielt zu haben. Dafür war die Familie­ zu stark von der Wissenschaft begeistert. Die Neurologie wird das Gebiet, auf dem er Bahnbrechendes leistet.

Nicht nur geistig-intellektuell ist er «on the move». Er verlässt England und arbeitet in Kalifornien; seine endgültige Heimat wird New York, wo er im August 2015 an Krebs stirbt. Er wusste um seinen nahen Tod und blieb gelassen. «On the road» ist Sacks auch: Tausende von Meilen braust er mutterseelenallein durch die amerikanischen Weiten. Beim Schwimmen begibt er sich nicht selten in Gefahr, betreibt exzessiv Gewichtheben. Eine zeitweilige Amphetaminsucht führt ihn auf andere Reisen ins Unbekannte.

Regelmässige Besuche beim Psychiater sprechen für seelische Irrungen und Wirrungen. Wir erfahren es nicht. Hingegen schreibt Sacks offen über seine Homosexualität und seine extreme Schüchternheit. Ohne ­eigene Familie lebt er über Jahrzehnte sexuell abstinent und findet erst spät im Leben einen Partner. Ein sehr schüchterner Mensch interessiert sich für Menschen? Ist es Zufall, dass es «distanzierte» Patienten sind, denen sein Forschungsinteresse gilt?

Viele seiner Patienten leben in einer uns unzugänglichen Welt, so weitab von jeglicher Normalität, dass sie für immer weggesperrt werden. In sich eingeschlossene Menschen, die kaum Reaktionen oder nur unverständliche Verhaltensweisen zeigen. Die Ärzte stehen ihnen hilflos gegenüber: Katatoniker, Patienten mit Gehirnläsionen und Ausfällen, mit Ticks und Halluzinationen, solche wie Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, so der Titel von Sacks berühmtestem Buch.

Sacks sucht den Zugang und findet ihn oft. Wie schnell kann ein Unfall, eine Krankheit, ein Tumor unser Hirn beschädigen. Es sind Menschen, die trotzdem besondere Fähigkeiten haben können: Das ist es, was Sacks uns zeigen will.

Ob man nun die Autobiografie zuerst liest oder sich Zeit des Erwachens (nochmals) ansieht, ist egal. Wer aber Sacks «live» erleben will, sehe Robin Williams beim Spiel zu. Der geniale Schauspieler heftete sich an Sacks’ Fersen und ergründete ihn so gut, dass er zu seinem Spiegel wurde: «Er ahmte mich nicht nach, sondern war in gewissem Sinne ich geworden.» Williams/Sacks ist ein überaus menschenfreundlicher, sensibler, sympathischer, chaotischer, scheuer, neugieriger, vor allem aber engagierter Arzt.

Oliver Sacks’ Leben liest sich atemberaubend, so als sässen wir mit ihm auf seiner Maschine. Trotz aller Offenheit, die jeglicher Eitelkeit entbehrt, bleibt dieser sympathische, dem Leben zugewandte Mann rätselhaft. Aber das ist nicht schlimm; schliesslich sind wir uns alle ja selbst ein grosses Rätsel – mit oder ohne Gehirnschaden.

Oliver Sacks: On the Move – Mein Leben. Rowohlt; 448 Seiten; 17.90 Franken.

Sylvia Senz ist Dozentin für Deutsch an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).