Und am Abende kam er mit seiner gemästeten Herde
Und trieb schnell in die weite Kluft die Ziegen und Schafe,
Mütter und Böcke zugleich, und liess nichts draussen im Vorhof,
Weil er etwas besorgt’ oder Gott es also geordnet.
Hochauf schwenkt’ er und setzte das grosse Spund vor den Eingang.
Und nun sass er und melkte die Schaf’ und meckernden Ziegen
Nach der Ordnung und legte den Müttern die Säugling’ ans Euter.
Und nachdem er seine Geschäft’ in Eile verrichtet,
Packt’ er abermal zween und tischte die Stücke zum Schmaus auf.
Jetzo trat ich näher und sagte zu dem Kyklopen,
Einen hölzernen Becher voll schwarzen Weines in Händen:
Nimm, Kyklop, und trink eins, auf Menschenfleisch ist der Wein gut!
Dass du doch lernst, welch ein Trunk in unserem Schiffe ruhte!
Diesen rettet’ ich dir zum Opfer, damit du erbarmend
Heim mich sendetest. Aber du wütest ja ganz unerträglich!
Böser Mann, wer wird dich hinfort von den Erdebewohnern
Wieder besuchen wollen? Du hast nicht billig gehandelt!
Also sprach ich. Er nahm und trank und schmeckte gewaltig
Nach dem süssen Getränk und bat, noch einmal zu füllen:
Lieber, schenk mir noch eins, und sage mir gleich, wie du heissest,
Dass ich dich wieder bewirt’ und deine Seele sich labe!
Wiss’, auch uns Kyklopen gebiert die fruchtbare Erde
Wein in geschwollenen Trauben, und Gottes Regen ernährt ihn,
Aber der ist ein Saft von Ambrosia oder von Nektar!
Also sprach er; ich bracht’ ihm von neuem des funkelnden Weines.
Dreimal schenkt’ ich ihm voll’ und dreimal leerte der Dumme.
Aber da jetzo der geistige Trank in das Hirn des Kyklopen
Stieg, da schmeichelt’ ich ihm mit glatten Worten und sagte:
Meinen berühmten Namen, Kyklop? Du sollst ihn erfahren.
Aber vergiss mir auch nicht die Bewirtung, die du verhiessest!
Niemand ist mein Name; denn Niemand nennen mich alle,
Meine Mutter, mein Vater und alle meine Gesellen.
Also sprach ich; und drauf versetzte der grausame Wütrich:
Niemand will ich zuletzt nach seinen Gesellen verzehren;
Alle die andern zuvor! Dies sei die verheissne Bewirtung!
Sprach’s und streckte sich hin, fiel rücklings und lag mit gesenktem,
Feistem Nacken im Staub; und der allgewaltige Schlummer
Überwältiget’ ihn; dem Rachen entstürzten mit Weine
Stücke von Menschenfleisch, die der schnarchende Trunkenbold ausbrach.
* In der Szene sind Odysseus und seine Gefährten in der Höhle des Kyklopen gefangen und warten auf seine Rückkehr. Polyphem hat zuvor bereits vier der Gefährten verspeist und die Höhle mit einem Stein versperrt. Doch Odysseus hat einen Plan, um den Riesen zu überlisten: Er nennt sich gegenüber Polyphem «Niemand». Das ist eine List: Als Polyphem nach seiner Blendung die anderen Kyklopen um Hilfe bittet und sagt, «Niemand» greife ihn an, verstehen sie seine Worte wörtlich. Sie glauben, dass niemand ihn angreift, und helfen ihm nicht.
Als Grundlage wurde die Übersetzung von Johann Heinrich Voss genommen.