Der ehrliche Klappentext

«Nichts ist, wie es scheint» von Michael Butter

In Nichts ist, wie es scheint zeigt der Kulturwissenschaftler Michael Butter, wie Verschwörungstheorien funktionieren. Er tut dies angenehm unaufgeregt: Seine detailreiche Studie zielt nicht auf das billige Blossstellen von Verschwörungstheoretikern, sondern fragt nach dem zugrundeliegenden Welt- und Menschenbild.
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Autorin: Patricia Dickson
Freitag, 06. Juli 2018

Setzen Sie bitte einen Hut aus Aluminiumfolie auf, bevor Sie diesen Text lesen. Denn hier geht es um Ausserirdische, die Einsicht in unsere Gedanken haben, und um bösartige Eliten, für die normale Menschen nur Mittel zum Zweck sind. Es geht um Verschwörungstheorien. Genauer gesagt, um ein Buch, dessen Titel das Weltbild von Verschwörungstheoretikern schön auf den Punkt bringt: Nichts ist, wie es scheint.

Verschwörungstheorien beschreiben oft absurde Szenarien. «Flat Earthers» sind überzeugt, dass die Erde flach ist und sämtliche Gegenbeweise gefälscht sind, um die Wahrheit zu verheimlichen. Andere glauben, dass Ausserirdische unsere Regierungen längst unterwandert haben und unsere Gedanken manipulieren. Im Internet kursieren die verrücktesten Videos und Abhandlungen darüber. Verschwörungstheorien werden jedoch nicht nur in den Untiefen des Netzes geflüstert. Sie werden auch von Personen der Öffentlichkeit vertreten und verbreitet. In den USA hat sich Donald Trump während der Wahlen als Opfer einer ominösen, korrupten Elite inszeniert. Eva Herman, eine ehemalige Sprecherin der deutschen Tagesschau, behauptet, dass die Flüchtlingskrise das Resultat einer grösseren Verschwörung gegen die «abendländische Kultur» sei.

Für den Autor Michael Butter wäre es ein leichtes, Anhänger solcher Theorien in seinem Buch blosszustellen. Doch das wäre ihm zu wenig. Der Amerikanist und Kulturwissenschaftler widmet sich vielmehr der Komplexität des Phänomens. Schon der Buchtitel ist absichtlich doppeldeutig. Er bezieht sich einerseits auf die Wahrnehmung von Verschwörungstheoretikern. In ihren Augen geschieht nichts auf dieser Welt zufällig, und alles ist miteinander verbunden. Kurz: Nichts ist, wie es scheint. Zum anderen spielt der Titel darauf an, dass Verschwörungstheorien nicht so stark verbreitet sind, wie das mediale Echo derzeit vermuten lässt. So ist nicht jeder Impfgegner automatisch ein Verschwörungstheoretiker und nicht jede absichtlich verbreitete Falschmeldung, also «Fake News», eine Verschwörungstheorie. Zumindest, solange nicht Machenschaften einer organisierten Gruppe dahinter vermutet werden. Zum Hintergrund jeder Verschwörungstheorie gehört nämlich die Vorstellung, dass Geschichte plan- und Menschen kontrollierbar sind.

Dies hängt laut Butter auch mit dem Weltbild von Verschwörungstheoretikern zusammen, das, ironischerweise, an Ideale der Aufklärung anknüpft. So rechnen Verschwörungstheorien dem Menschen mehr Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung an, als er im Grunde hat. Komplexe Phänomene, die den Einflussbereich von Individuen oder Gruppen weit übersteigen, deuten ihre Anhänger als von Menschen gesteuert. Dies illustriert Butter mit diversen aktuellen Beispielen aus dem deutschsprachigen Raum. In Deutschland behaupteten etwa sogenannte Reichsbürger hartnäckig, dass die BRD immer noch von den Alliierten besetzt sei. Mit Daniele Ganser ist auch ein Beispiel aus der Schweiz dabei. Ganser sät in seinen Vorträgen über die 9/11-Anschläge Zweifel an der offiziellen Version, indem er düstere Machenschaften andeutet. Die Antworten und Beweise dafür bleibt er jedoch schuldig. Damit benutzt er gemäss Butter die typischen Strategien von Verschwörungstheoretikern.

Nichts ist, wie es scheint ist spannend, aber sehr dicht geschrieben. Der Autor seziert das Phänomen der Verschwörungstheorien äusserst detailliert. Er analysiert Strukturen, Kontext, Argumente und vernachlässigt auch den historischen Hintergrund nicht. Das fordert vom Leser entsprechende Konzentration, doch ein angenehmes Mass an Redundanz erleichtert die Lektüre. Als Leserin gewinnt man ein besseres Verständnis für die Mechanismen von Verschwörungstheorien und die Motivation ihrer Anhänger.

Denn so absurd diese Gedankenkonstrukte manchmal anmuten, so menschlich sind letztlich das Bedürfnis nach Erklärungen und das Suchen nach Mustern in einer komplexen Welt. Am Schluss der Lektüre angelangt, kann man zufrieden den Alu-Hut absetzen und fachgerecht entsorgen.

Michael Butter: Nichts ist, wie es scheint. Suhrkamp-Verlag; Berlin 2018; 271 Seiten; 28.90 Franken.