Der ehrliche Klappentext

«Namen statt Nummern — Auf der Suche nach Opfern des Mittelmeeres» von Cristina Cattaneo

Die italienische Forensikerin Cristina Cattaneo identifiziert Leichen ertrunkener Boots­flüchtlinge. «Namen statt Nummern» ist ein schrecklich trauriges Buch. Es erzählt vom Versuch der Autorin, den Toten und ihren Hinterbliebenen ein Stück weit Würde zurückzugeben.
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Autorin: Gisela Feuz
Freitag, 10. Juli 2020

Stürzt in Europa ein Flugzeug ab, werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Toten so schnell als möglich zu bergen, zu identifizieren und den Verwandten zu übergeben. Geht im Mittelmeer ein Schiff mit geflüchteten Menschen unter, dann krähe kein Hahn danach, schreibt Cristina Cattaneo in «Namen statt Nummern». Die Professorin für forensische Medizin an der Universität Mailand macht sich wie kaum eine andere Person für die Identifizierung toter Bootsflüchtlinge stark. In ihrem kürzlich erschienenen Buch gewährt sie nun Einblick in diese Arbeit.

Seit 2001 sind schätzungsweise rund 30000 Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken. Waren es anfänglich einzelne Fälle, kam es im Oktober 2013 zum ersten richtig grossen Unglück: Vor der Küste Lampedusas sank ein Boot mit über 500 Eritreerinnen und Eritreern. Wenige Tage später verunfallte ein zweites Schiff, dieses Mal vor allem mit syrischen Familien. Viele der Leichen wurden namenlos begraben.

Und doch steht im Zentrum von Cattaneos Arbeit nicht einzig der Wille, den toten Menschen ihren Namen und somit ein Stück ihrer Würde zurückzugeben. Ihr Einsatz gilt auch den Hinterbliebenen. Die 58jährige sagt, dass diese ein Recht hätten zu erfahren, was mit ihren Verwandten geschehen sei.

Die Autorin schildert in ihren Berichten eindrücklich, mit welchen Hindernissen sie und ihr Team sich konfrontiert sehen. Stürzt ein Flugzeug ab, dann liege die Identität der Leichen mittels Passagierliste und DNA-Abgleichen rasch vor. Im Falle von geflüchteten und ertrunkenen Menschen sei es aber schwierig, Angehörige zur genetischen Identifizierung ausfindig zu machen. Das führe dazu, dass die italienische Regierung Tote oft namenlos begrabe, schreibt Cattaneo. Zu den praktischen Herausforderungen kommt ein Aspekt hinzu, der weit bedenklicher ist: Menschen, die mit Booten vom afrikanischen Kontinent nach Europa fliehen, stammen alle aus einem anderen Kulturkreis. Cattaneo vermutet, dass dies einen direkten Einfluss auf die Empathiebereitschaft der Europäer habe: Die Ertrunkenen seien zuerst einmal Fremde. Dies habe zur Folge, dass der Wille, einem Verstorbenen einen Namen und damit seine Würde zurückzugeben, kaum vorhanden sei.

Cattaneos Bericht ist eine erschütternde Lektüre. Es macht traurig zu lesen, wie halbvermoderte Leichen aus einem Schiff geborgen werden, das schon einige Monate auf dem Grund des Mittelmeers gelegen hat, oder wie Angehörige auf der Suche nach ihren Liebsten verzweifelt dicke Ordner mit Fotos von Toten durchblättern müssen. Gleichzeitig gibt Cattaneos Zeugnis einen spannenden Einblick in die Welt der Forensik. Dass die Wissenschaftlerin trotz allem Leid positiv in die Zukunft blickt und dabei immer wieder hoffnungsvoll auf die Fortschritte ihrer Arbeit hinweist, ist beeindruckend.

Innerhalb der letzten vier Jahre hat Cattaneos Team rund 40 Menschen ihre Identität zurückgeben können. Das mag nach wenig klingen, allerdings fliessen seit einer Projektstudie keine staatlichen Unterstützungsgelder mehr, was die Arbeit erschwert. Dennoch hat unter anderem auch Cristina Cattaneos unermüdlicher Aktivismus dazu geführt, dass 2015 die italienische Marine das Wrack eines gesunkenen Flüchtlingsschiffes aus fast 400 Metern Tiefe barg. Das sei ein starkes Zeichen gewesen, sagt sie, denn: «Zum ersten Mal wurde ein Flüchtlingsschiff so behandelt, als wäre es voller europäischer Opfer.»

Cristina Cattaneo: «Namen statt Nummern — Auf der Suche nach Opfern des Mittelmeeres». Rotpunktverlag, Zürich 2020; 208 Seiten; 28 Franken.

Gisela Feuz ist Kulturjournalistin.