Aus der Herzkammer

Mutter und Mossad

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 24. Januar 2020

In den neunziger Jahren flog ich mit meinen Eltern mit der El Al nach Israel in den Badeurlaub, genauer nach Eilat. Ich war 16 oder 17, und wir mussten fünf Stunden vor Abflug am Flughafen Wien sein. Dort wurden wir von einem sehr sympathischen jungen Mann getrennt voneinander befragt.

Er fragt mich lächelnd: «Nimmst du einen eigenen Koffer mit?»

«Ja.»

Ich bin sehr nervös. Ich bin davor noch nie befragt worden.

«Wer hat denn deinen Koffer gepackt?»

«Ich selbst.»

«Ganz allein?»

«Ja. Ich. Ganz allein.»

«Bist du sicher, dass dir dabei niemand geholfen hat?»

«Ähm … naja, die Mama hat mir schon ein bisschen geholfen …»

«Wer ist denn die Mama?»

«Na die Mama! Meine Mutter!»

«Ich weiss nicht, wer deine Mutter ist.»

«Frau Elfriede Nikzad, geborene Elfriede Kurz, am 20. Februar 1946 in Hartberg, Österreich …»

«… Ok! Passt schon …»

Nachdem wir alle befragt worden sind, kommen wir drei wieder zusammen, und ein anderer junger Mann bittet uns um unser Handgepäck. Er nimmt als erstes die Reisetasche meiner Mutter, zieht den Reissverschluss auf, und obenauf liegt das Buch «Hitlers Wien – Lehrjahre eines Diktators» von der in der Zwischenzeit verstorbenen Historikerin Brigitte Hamann. Das Buch war damals ein Bestseller.

Jedensfalls prangt auf dem schwarzen Hintergrund in roten dicken Grossbuchstaben das Wort «Hitler» auf dem Cover.

Der junge Mann hält inne und schaut uns prüfend an.

«Ey dáde bidád … Kosht mano in zane …», murmelt mein Vater und vergräbt sein Gesicht kopfschüttelnd in seinen Händen. («Ich glaub’ das jetzt nicht … Diese Frau bringt mich noch ins Grab …»)

Einige Stunden später in der El Al nach Eilat:

Mutter: «… Es ist ein Geschichtsbuch! Ein Buch von der Hamann, die darin die österreichische Vergangenheit schonungslos aufarbeitet! Warum soll ich denn die Hamann nicht nach Israel mitnehmen? …»

Vater: «… Das weiss doch der Mossad nicht! Was weiss denn der Mossad, wer die Hamann ist? Die sehen nur, dass du ein Buch mit dem Wort ‹Hitler› in grossen roten Buchstaben mitnimmst! …»

Mutter: «… Das war doch nicht der Mossad! Das waren Botschaftsleute! …»

Vater: «… Natürlich war das der Mossad! Sei nicht so naiv! Die laden uns eh schon fünf Stunden vor dem Abflug an den Flughafen, weil wir Perser sind, und du rennst auch noch mit einem Hitler-Buch durch die Gegend! …»

Mutter: «… Glaubst du allen Ernstes, dass der Mossad nichts Besseres zu tun hat, als die Nikzads aus dem Gemeindebau in St. Pölten-Viehofen zu befragen? Mach dich doch nicht lächerlich …»

Vater: «… Von all den tausend Büchern, die du hast, musst du genau das eine mitnehmen, auf dem gross ‹Hitler› steht!»

Letztlich hatten wir eine wunderbare und unvergessliche Woche am Strand von Eilat.

Und meine Mutter las ihr Hamann-Buch in ihrer Liege.

Und es hat niemanden wirklich gestört.