Bruno Amatruda

Moralinsucht

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Freitag, 15. September 2017

Irgendwann hat die Kirche die Macht verloren, den Menschen moralische Vorgaben zu machen. Als sie es noch tat, war die Welt in Ordnung. Sie funktionierte wie eine Familie: Die Eltern setzten die Standards, die Kinder wählten zwischen Gehorsam, vorgetäuschtem Gehorsam und offener Rebellion. Doch mit dem Machtverlust von Mutter Kirche hielt nicht etwa die moralische Befreiung Einzug, sondern nun gingen die Kinder aufeinander los.

Ernährungsgewohnheiten, medizinische Entscheidungen, Kauf- und Abstimmungsverhalten – es gibt keinen Bereich, der nicht zur Frage der Moral erhoben wird. Dadurch entstehen permanent gesellschaftliche Antagonismen: Impfende und Impfgegner, Stillende gegen Flaschende, Vegetarier und Grillmeister, Vaterlandsverräter gegen Fremdenfeinde. Das Verstörende daran ist nicht, dass verschiedene Ansichten aufeinanderprallen, sondern die an Raserei grenzende emotionale Vehemenz, mit der sich die Menschen gegenseitig bekämpfen. So als hinge die eigene Existenz an der Frage «Energiesparlampen oder Glühbirnen?» Jede Gemeinschaft bildet Sitten, Normen und Werte aus, das liegt in ihrer Natur. Traditionellerweise sind diese aber eingebettet in ein grösseres weltanschauliches Ganzes. Wo dieses Ganze wegfällt, kann es passieren, dass sich die Moral an seine Stelle setzt und als Sinnersatz fungiert. Aus Moral wird so Moralismus.

Des Moralisten Verlust der Verhältnismässigkeit, das Festhalten an der eigenen Meinung wie an einem Strohhalm, der Tunnelblick: Mich erinnert das an Süchtige. Der Alkoholiker, der auf sein Trinkverhalten aufmerksam gemacht wird, fühlt sich im Innersten angegriffen und reagiert mit totaler Abwehr. Genauso wie früher die Linken, als man sie auf die stalinistischen Verbrechen hinwies. Oder die Bürgerlichen, wenn man das imperialistische Gebaren des Westens anprangerte. Denn Sucht, auch Moralinsucht, führt zu verzerrter Wahrnehmung. Sie setzt sich an die Stelle des Ichs und muss gegen rationale Argumente geschützt werden. Erzählen Sie einem überzeugten Fleischesser von den Zuständen in Mastbetrieben oder einem Veganer von den gesundheitlichen Risiken, denen er sein Kind aussetzt – Sie werden niedergebrüllt werden wie Frau Merkel von der Pegida und wie Frau Petry von der Antifa.

Und dann diese Dynamik: Sucht kriegt den Hals nicht voll. Niemand kann zwei Zigaretten am Tag rauchen, innerhalb weniger Wochen wird daraus ein Päckchen. Mit dem Moralin verhält es sich gleich. Nach jeder moralischen Errungenschaft wird die Messlatte höher gelegt. Vor ein paar Jahren klagte eine schweizerische Organisation gegen eine Waschmittelfirma. Diese habe durch das Weisswaschen eines braunen Teddybären in einem Werbespot rassistische Stereotype bedient. Von Moral wird man nie satt. Das hat mit dem idealistischen Charakter von Normen zu tun. Das Ideal selbst kann gar nie erreicht werden, es dient aber als Orientierungspunkt. Mit Moral, vor allem in ihrer militanten Erscheinungsform, lassen sich allerdings eigene tiefsitzende Probleme verdecken. Ich habe Feministinnen getroffen, die ihr privates Vaterproblem auf die ganze Männerwelt projiziert haben. Und Ausländer, die rassistisch gegen andere Ausländergruppen hetzen, weil diesen angeblich das Leben so viel einfacher gemacht wird.

Das Loch, das der Süchtige in sich verspürt, stopft noch so viel Heroin nicht. Die eigentlichen Probleme des Menschen können ebenso wenig mit Moral gelöst werden. Moral ist paulinisch-theologisch gesprochen also das Gesetz, das den Menschen stetig überführt. Der Moralinsüchtige setzt die Moral zudem absolut. Wie dem Süchtigen sein Suchtmittel heilig ist, erlangt in nachkirchlichen Zeiten ein beliebiger moralischer Inhalt sakralen Status. Wehe, jemand ist gegen Demokratie oder gegen Menschenrechte. Er gilt sofort als Ketzer. Und zu guter Letzt entspricht dem Egoismus des Süchtigen der Narzissmus des Moralisten. Die gerechte Sache, um die es ihm angeblich geht, dient nur als Staffage für seine Selbstdarstellung. Deshalb umgibt sich der Moralinsüchtige gerne mit Gleichgesinnten. Sie bilden den Resonanzraum seines Egos, wie beim Süchtigen die Opiumhöhle und beim Trinker die Saufkumpane.

Die evangelische Kirche verkündet doch das Evangelium der Freiheit. Wer also könnte die Moralisten besser von ihrer Sucht befreien?

Der Theologe Bruno Amatruda ist Religionslehrer und Mittelschulseelsorger am Gymnasium Rychenberg in Winterthur ZH. Er schreibt hier die Kolumne im Wechsel mit Yves Kugelmann, Chefredaktor der jüdischen Magazine Tachles und Aufbau, und der Journalistin Kübra Gümüşay.