Der ehrliche Klappentext

«Mein Jahr als Jäger und Sammler» von John Lewis-Stempel

Der englische Autor John Lewis-Stempel lebte ein Jahr lang ausschliesslich von dem, was Mutter Natur ihm an Nahrung bot. Mein Jahr als Jäger und Sammler dokumentiert die Entbehrungen und Abenteuer dieses Selbstversuches – und berichtet vom unerwarteten Glück, das sich mit dem Leben ohne Kühlschrank und Supermarkt einstellte.
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Autorin: Gisela Feuz
Freitag, 13. September 2019

Wer umweltbewusst leben will, kauft im Laden nur diejenigen Früchte- und Gemüsesorten, die gerade im eigenen Land geerntet werden können. Wer dies konsequent tut, sieht sich in Wintermonaten allerdings vor Herausforderungen gestellt, was die Vielfalt des Menuplans anbelangt. Einer, der davon ein Lied singen kann, ist John Lewis-Stempel. Der Farmer und Autor beschloss, ein Jahr lang ausschliesslich das zu essen, was er selber ernten kann. Die Erfahrungen dieses Experiments hielt er in Mein Jahr als Jäger und Sammler fest.

Sein Bericht setzt ein, als er und seine vierköpfige Familie nach Herefordshire an der Grenze von England zu Wales ziehen. Dort hat die Familie einen alten, verfallenen Hof gekauft, den sie selber instand setzen will. Weil aufgrund der Renovation des Hauses das Geld oft knapp ist, fasst der Autor bald schon den Entschluss, nur von dem zu leben, was die Natur kostenlos liefert. Der Rest der Familie geht weiterhin im Supermarkt einkaufen.

Lewis-Stempels Selbstversuch beginnt im Oktober. Während er sich anfänglich noch mit verschiedenen Kräutern, Pilzen und Erjagtem – pro Monat isst er im Schnitt 12 Kaninchen und 23 Tauben – über die Runden bringt, wird es in den Wintermonaten hart. Erschwerend kommt hinzu, dass er sich die Regel auferlegt hat, nichts einzufrieren, weil dadurch das Essen nicht mehr der Jahreszeit entsprechen würde, in der es geerntet wurde. In den ersten beiden Monaten nimmt er sechs Kilo ab, und ein übermässiger Verzehr von Sauerampfer macht seinen Nieren zu schaffen. Aus der ernährungstechnischen Bredouille hilft ihm dann das Einsetzen des Frühlings, der Zeit der «Pflück-Orgie».

Seine Schilderungen reichert Lewis-Stempel mit zahlreichen, zum Teil von ihm selber erfundenen Rezepten an. So wird etwa beschrieben, wie sich Kaffee aus Löwenzahnwurzeln, Bier aus Brennnesseln und ein Kotelett aus Haselnüssen herstellen lässt, was alles in einen Grauhörnchen-Burger gehört oder wie man Taube mit Liebstöckel anrichtet. Bei all dem wird klar: Wer sich ausschliesslich von dem ernähren will, was Mutter Natur im englischen Mittelland für einen bereithält, muss sich auf harte körperliche Arbeit, Verzicht und Einsamkeit einstellen; letzteres, weil man einen Grossteil der Zeit mit Nahrungssuche verbringt, manchmal bei Sonnenschein, aber viel häufiger bei Regen, Wind und Schnee.

Mein Jahr als Jäger und Sammler enthält eine Fülle an Informationen und Detailwissen zu Flora, Fauna und Ernährung. Darüber hinaus stellt der Autor Reflexionen über das Jagen und Töten an, und er thematisiert den schizophrenen Umgang, den die Menschen mit Tieren pflegen, wenn sie diese in Haustiere und Nahrungsmittel unterteilen. Lewis-Stempel schreibt humorvoll und mit viel Selbstironie, was über weite Strecken unterhaltsam ist, manchmal aber ein bisschen forciert anmutet. Das mag allerdings auch an der Schwierigkeit liegen, englischen Humor ins Deutsche zu übersetzen.

Auch wenn Lewis-Stempel während des jährigen Experiments so manch abenteuerliches Mahl zu sich genommen hat und oft mit knurrendem Magen ins Bett gegangen ist, zieht er am Ende eine überaus positive Bilanz. Die Nahrungsumstellung habe ihn weniger anfällig für innere Schwärze gemacht, stellt er fest. Er vermutet, dass dies damit zu tun hat, dass ihm aufgrund der ständigen Nahrungssuche schlichtweg die Zeit für Nabelschau fehlte. Zum anderen verbessere die Ernährung aus der Natur das seelische Wohlbefinden, weil eine verringerte Zufuhr an Zucker und Kohlenhydraten die Benommenheit verhindere, die mit einem Zuckerrausch einhergehe. Ausserdem setze die permanente Bewegung Endorphine frei. Wer sich vermehrt mit dem grundlegendsten Aspekt des menschlichen Daseins beschäftige, der finde zu sich selber und damit auch zu mehr Selbstvertrauen, hält er schliesslich fest. Lewis-Stempels Einsichten leuchten ­irgendwie ein – und sollten nachdenklich stimmen.

John Lewis-Stempel: Mein Jahr als Jäger und Sammler. Dumont, Köln 2019; 352 Seiten; 25.50 Franken.

Gisela Feuz ist Kulturjournalistin und lebt in Zürich.