Der ehrliche Klappentext

«Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit. Eine Biografie» von Barbara Stollberg-Rilinger

Zum 300. Geburtstag von Maria Theresia von Österreich holt eine tausend Seiten starke Biografie die «ewige Landesmutter» vom Sockel. Im Buch bürstet die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger die spätbarocke Herrscherin, die mit eiserner Hand über Hof, Familie und Länder herrschte, regelrecht gegen den Strich. Sie tut es schonungslos, unterhaltsam und klug.
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Autorin: Corinne Holtz
Freitag, 28. Juli 2017

Wer nach Wien reist, begegnet Maria Theresia im Herzen der Stadt buchstäblich auf den Sockel gehoben. Sie thront seit 1888 übergross in Bronze gegossen über dem Maria-Theresien-Platz und nimmt über die Ringstrasse hinweg die Hofburg und den Heldenplatz ins Auge. Sie selbst wacht als Heldin über Helden.

Maria Theresia hatte es in sich: Sie verband Fruchtbarkeit mit Herrschaft und weibliche Tugend mit männlichem Heldentum. Sie übernahm die Regierungsgeschäfte mit 23 Jahren, heiratete einen dynastischen Zwerg, gebar 16 Kinder, vertrieb mit harter Hand die «Ketzer» (die Protestanten) und die «ärgste Pest» (die Juden). Schliesslich führte sie zwei langjährige, verlustreiche Kriege (den Österreichischen Erbfolgekrieg und den Siebenjährigen Krieg) und hielt sich 40 lange Jahre an der Macht.

Wer dieses Pensum schafft, muss eigentlich ein Mann sein. Friedrich II. etwa schrieb über seine Rivalin: «Einmal haben die Habsburger einen Kaiser, und dann ist es eine Frau.» Umgekehrt spottete eine habsburgerfreundliche Flugschrift im Erbfolgekrieg, «Friedrich habe an einer Frau seinen Mann gefunden».

Mächtige Frauen werden bis in die Gegenwart als «Mann» betrachtet: zuletzt Angela Merkel. Was steckt dahinter? Indem man Ausnahmefrauen als «echten Mann» bezeichnet, «tastet man die Geschlechterhierarchie nicht an, sondern bestärkt sie noch. Denn vorausgesetzt wird ja dabei, dass Männlichkeit ein Kompliment und das männliche Geschlecht überlegen sei.»

So liest es sich in der schonungslosen Biografie von Barbara Stollberg-Rilinger über Maria Theresia und ihre Hagiografen. Die Historikerin und Professorin aus Münster hält sich alle beide vom Leib und nimmt stattdessen «eine Perspektive der Fremdheit» ein. Maria Theresia verkörpere eine uns fremde Epoche: das Ancien Régime und seine hemmungslose Pracht- und Machtentfaltung.

Maria Theresia wachte nicht nur über die Zeremonien und Rituale der Feudalgesellschaft, sie verschärfte sie, indem sie noch mehr Kontrollmechanismen einführte. Ihr Keuschheitsregime war gefürchtet, die Zensur scharf, die Sittenpolizei griff flächendeckend zu. So wurden Theater und Bälle beschnitten, Glücksspiel und Prostitution gnadenlos geahndet. «Liederliche Weibsbilder», später auch Straftäter und Fahrende, liess Maria Theresia mit dem Schiff über Donau und Theiss ins ferne Banat deportieren.

Die Herrscherin begann im Zuge ihrer Regentschaft zu vereisen. Aus der begnadeten Amateur-Sängerin, die sich als junge Frau vom gefeierten Johann Adolph Hasse Musik schreiben liess, wurde eine Feindin der Künste. Das unkontrollierbare Potenzial gefährde Zucht und Ordnung, war sie überzeugt.

Auch die Bildungs- und Verwaltungsreform Maria Theresias waren Folgen ihres Kontrollzwangs und eigentliche Herrschaftsinstrumente. Untertanen blieben Untertanen. Denn Bildung bedeutete in der Habsburgermonarchie bis 1750 nicht Aufklärung, sondern Unterdrückung. Die Erbländer waren denn auch unter Maria Theresia literarisch verödet und buchhändlerisch isoliert.

Zu diesen Einsichten verhilft uns die Biografin Barbara Stollberg-Rilinger. Sie ersetzt die Mythenbildung durch die Analyse und die Überhöhung durch das Verstehen einer Epoche. Sie seziert die Quellen, durchleuchtet die Rezeptionsgeschichte und legt die Mechanismen der Adelsgesellschaft des Ancien Régime offen. Die Autorin erzählt Maria Theresias Biografie als Biografie einer Epoche und verfügt dabei über eine überragende Formulierungsmacht. Atemraubende tausend Seiten.

Barbara Stollberg-Rilinger: Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit. Eine Biografie. Verlag C.H. Beck; München 2017; 1083 Seiten; 48.90 Franken.

Die Publizistin Corinne Holtz lebt in Zürich.