Der ehrliche Klappentext

«Man treibt sie in die Wüste» von Dora Sakayan

Die Schweizerin Clara Sigrist-Hilty folgt ihrem Mann 1915 nach Südostanatolien und wird unversehens zur Augenzeugin des Völkermords an den Armeniern. Gut hundert Jahre danach publiziert die Germanistin Dora Sakayan in «Man treibt sie in die Wüste» die Tagebucheinträge und Erinnerungen des Ehepaars.
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Autor: Fabian Kramer
Freitag, 25. November 2016

Im Frühling 1915 bereitet sich die junge Krankenschwester Clara Sigrist-Hilty im sanktgallischen Städtchen Werdenberg auf ihre Hochzeit vor. Am 24. April notiert sie in ihr Tagebuch, wie sie ihr Elternhaus für das Fest schmückt: «Kleine Weinbergträubchen, Dotterblumen, drei Körbe voll Primeln …» Es ist ein historisches Datum. An diesem Tag beginnt die millionenfache Vertreibung und Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich. Der Kontrast zwischen der Schweizer Idylle und dem Genozid könnte grösser kaum sein.

Kurz darauf reist die Tagebuchschreiberin selber ins Zentrum des Grauens, zusammen mit ihrem Mann Fritz Sigrist-Hilty, der als Ingenieur beim Bau der Bagdadbahn­ in Südanatolien arbeitet. Das frischvermählte Paar bezieht ein kleines Haus und richtet sich auf ein Familienleben im Kolonialstil ein. Doch bald ziehen vor ihrem Heim Tausende von Armeniern vorbei, Frauen, Alte, Kinder, Hungernde, Kranke, Sterbende, unterwegs auf ihren Todesmärschen in Richtung syrische Wüste. Männer sind nur wenige darunter: Die meisten wurden bereits vorher ermordet oder als Zwangsarbeiter rekrutiert.

Clara Sigrist-Hilty protokolliert die Spuren des Krieges nüchtern in ihrem Tagebuch, das sie auch in ihrer neuen Heimat weiterführt. Zwischen beschaulicher Hausarbeit und bürgerlichen Freizeitbeschäftigungen schreibt sie Sätze wie: «Nachts hört man schiessen. Wie gut für die, die so sterben dürfen.» Zuweilen wirken ihre knappen Einträge fast teilnahmslos.

Doch dieser Eindruck täuscht, denn bald schon werden aus den Augenzeugen Lebensretter. Ein armenischer Arbeiter der Bagdadbahn entkommt den osmanischen Gendarmen, weil er sich unter dem Bett der hochschwangeren Clara Sigrist versteckt. Es klingt wie ein orientalisches Märchen aus der Moderne. Der Gerettete mit Namen Haig Aramian bleibt der Familie lebenslang verbunden.

Neben den Tagebucheinträgen findet sich im Buch auch ein später entstandener Augenzeugenbericht, in dem Sigrist-Hilty ihre Wut und «Bitterkeit über diese trostlose Türkei» schildert. Drei nachgelassene Schriften ihres Ehemanns Fritz Sigrist-Hilty ergänzen das traurige Bild jener Zeit.

Was am Beispiel der Sigrist-Hiltys so beeindruckt, ist der Umstand, dass sie keineswegs mit der Absicht zu helfen in die betroffenen Gebiete gereist sind, wie viele Missionare aus dem Westen. Die Schweizer Eheleute gehörten wie alle europäischen Angestellten der Bagdad­bahn zu den bevorzugten Gästen des Regimes und genossen Privilegien.

Gut hundert Jahre nach dem Genozid hat die Germanistin Dora Sakayan, eine Nachfahrin von Überlebenden des Genozids, die Texte von Clara Sigrist-Hilty zusammengestellt und mit ausführlichen Einleitungen und Kommentaren versehen. Sakayan präsentiert dabei auch übersetzte Auszüge des Buches, das der von Sigrist-Hiltys gerettete Haig Aramian später selber über die damaligen Ereignisse schrieb. Man merkt dem Buch nicht nur die Sachkundigkeit der Herausgeberin an – auch ihre persönliche Nähe zum Gegenstand wird spürbar. Sie legt keine streng wissenschaftliche Studie vor, sondern ein spannendes Buch, das Sozial- und Weltgeschichte anschaulich miteinander verknüpft – und bewegt.

Dora Sakayan: Man treibt sie in die Wüste. Clara und Fritz Sigrist-Hilty als Augenzeugen des Völkermordes an den Armeniern 1915–1918. Limmat-Verlag; Zürich 2016; 304 Seiten; 34 Franken.

Fabian Kramer ist redaktioneller Mitarbeiter bei bref.