Der ehrliche Klappentext

«Macht der Kapitalismus depressiv?» von Martin Dornes

Macht Kapitalismus depressiv? Mitnichten, meint der Psychologe Martin Dornes und erteilt in einem Essay simplen Wahrheiten eine Absage. Wir sind nicht alle kränker, aber immer weniger bereit, Unglück zu erdulden, meint Dornes. Sein Buch ist ein präziser Blick auf das Unbehagen in der Arbeitsgesellschaft.
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Freitag, 14. Oktober 2016

Dass der grassierende Leistungsdruck in Arbeit und Schule zu Burnout und Depressionen führt, ist heute gängiges Wissen. Wie sonst wären etwa die Selbstmorde von erfolgreichen und hochbezahlten Managern zu erklären? Der deutsche Soziologe und Psychologe Martin Dornes nennt diese Schlussfolgerung höflich «unterkomplex». Denn die empirischen Langzeitstudien und Statistiken, die er in seinem schmalen Buch verarbeitet, ergeben tatsächlich ein ungleich vielschichtigeres Bild. Dornes’ Antwort auf seine eigene Titelfrage «Macht der Kapitalis­mus krank?» lautet deshalb schlicht: nein. Es gibt keinen Anstieg von Depressionen seit 1975. Weder bei Erwachsenen noch bei Kindern, weder in mehr «neoliberal-­ kapitalistischen» Ländern wie den USA oder Kanada noch in mehr «wohlfahrtsstaatlichen» Nationen wie Dänemark und Norwegen. Vielmehr geht in allen westlichen Ländern die Zahl der Suizide seit 1980 zurück, ebenso der Konsum von Alkohol, Zigaretten und Valium. Im Gegenteil, es kam in diesem Zeitraum sogar zu einer Zunahme der Lebenszufriedenheit. Und trotzdem: Zugenommen hat seit gut fünfzehn Jahren auch die Zahl der Diagnosen für psychische Krankheiten und die Verschreibung von Therapien und Antidepressiva.

Wie aber kommt es, dass die Diagnosen mehr werden, obwohl die Krankheiten zurückgehen? Dieses scheinbare Paradox steht im Zentrum von Dornes’ Interesse: Er sieht hier grosse psychosoziale Umwälzungen am Werk. Was früher als Lebensunglück verstanden und ertragen wurde, wird heute als psychische Krankheit behandelt. An die Stelle der früheren Unterversorgung ist dank gewachsener Akzeptanz und neuer Sensibilisierung eine adäquate Behandlung getreten.

Das ist alles schön und gut. Doch warum leuchtet uns die Legende von der Zunahme so unmittelbar ein? Auch hier sieht Dornes einen ganze Reihe von Trends am Werk: Zum einen übersehen sowohl Gesellschaftskritik wie Medien gerne die positiven Seiten der Modernisierung. Etwa jene, die sie für das weibliche Geschlecht hat: Ja, die zunehmende Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt führe zu einer Doppelbelastung, sei aber auch treibendes Element ihrer gesellschaftlichen Emanzipation.

Dazu komme die verbreitete Neigung zur Vergangenheitsverklärung. Die Realität der guten alten Zeit sah jedoch anders aus, so Dornes, denn zu jedem Zeitpunkt im 20. Jahrhundert, sei es 1920, 1970 oder 1980, fühlten sich 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung «müde oder erschöpft». Der populären Zeitdiagnose der «Müdigkeitsgesellschaft» erteilt Dornes damit eine klare Absage.

Ist also alles eitel Sonnenschein? Nicht ganz, so der Autor. Denn es gibt eine steigende Zahl von Menschen, die der heutigen Arbeitswelt nicht mehr gewachsen sind. Dieser «neuen Morbidität» widmet Dornes ein eigenes Kapitel: Es handelt sich um vorwiegend ärmere Bevölkerungsschichten, die an der zunehmend geforderten Eigenverantwortung scheitern. Dornes plädiert für einen Sozialstaat, der die Selbstkompetenz seiner Individuen fördert. Denn, so der Psychologe: es sind gerade jene, die am wenigsten tun – die Arbeitslosen und die Rentnerinnen und eben nicht gestresste Arbeitnehmer, die die höchsten Depressionsraten aufweisen.

Dornes’ Kritik an der populären These des Kapitalismus als Krankmacher hat bissigen Widerspruch provoziert. Sein grosses Verdienst ist es allerdings, die Ambivalenz des Modernisierungsprozesses mit empirischen Fakten zu erhellen.

Martin Dornes: Macht der Kapitalismus depressiv? Über seelische Gesundheit und Krankheit in modernen Gesellschaften. S.-Fischer-Verlag; Frankfurt 2016; 160 Seiten; 24 Franken.

Kathrin Meier-Rust ist freie Journalistin und Mitarbeiterin von Bücher am Sonntag, der Literaturbeilage der NZZ am Sonntag.