
Darum gehts:
Falls Sie den Einstieg in diese Kolumne und auch die weiteren Zeilen nicht verstehen sollten, könnte das daran liegen, dass sie wirr geschrieben ist. Oder die grassierende Lese-Inkompetenz ist schuld, von der die Menschheit ergriffen worden ist. Die neueste PISA-Studie hat uns in der ihr eigenen reisserischen Manier darüber informiert. «In Deutschland», so stand in der FAZ geschrieben, «hat fast jeder dritte Jugendliche es nicht geschafft, die Hauptaussage eines mittellangen Textes zu erfassen (…). Mehr als 90 Prozent der Teenager waren nicht in der Lage, lange, ungewohnte Texte zu verstehen und kritisch einzuordnen.»
Als ich das las, dachte ich als Erstes: «What?» Dann las ich den Text noch einmal und dachte: «So what!» Lesen. Wer macht das noch? Es war 2000 Jahre lang eine ganz nette Beschäftigung. Sexy wurde es aber erst, als die Menschen begannen, ihre Bücher als Dekorationsmaterial für ihre hotten Insta-Accounts zu benutzen.
Als Kompetenz hat Lesen schlichtweg ausgedient. Es gibt Bilder. Es gibt Videos. Es gibt KI. Selbst die Medien, zum Beispiel der «Blick», stellen ihren Artikeln mit «Darum gehts» ein KI-generiertes Briefing voran, in dem die entscheidenden Punkte bündig zusammengefasst werden. Ich schau mir dann noch schnell den Bart des zuständigen Redaktors an, und weiter gehts zum nächsten Text, den ich nicht lesen werde. Herrlich.
Natürlich rief die PISA-Studie auch die Mahner und die Pessimisten auf den Plan. Sie wissen, wen ich meine. Sogenannte Forscher. Beim Lesen werde ein gehirnweites System aktiviert, von dem die wenigsten von uns etwas ahnten, zitiert die FAZ die amerikanische Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf. Sie sei extrem besorgt, dass der Leseschaltkreis künftigen Generationen verloren gehen könne. Mit anderen Worten: dass wir immer dümmer werden.
Wieder denke ich: «So what?» 2000 Jahre lang hat unser Gehirn auf Hochtouren gearbeitet und sich dabei vollkommen aufgerieben. All die Gedanken, Fragen, Zweifel: «Soll ich mir die Pensionskasse auszahlen lassen, oder soll ich sie besser als monatliche Rente beziehen?» Hat uns das wirklich gutgetan? Denken ist anstrengend. Meist führt es in die Irre oder zu noch schlechteren Gedanken. «Warum Denken traurig macht», lautet der Titel eines berühmten Buches von George Steiner. Muss ich das wirklich lesen? Das Leben ist traurig genug.
Was passiert, wenn man von den Menschen zu viel verlangt, haben wir neulich im schönen deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt erleben dürfen. Dort hat die Bevölkerung ein Zeichen gegen Menschlichkeit, Anstand und Offenheit gesetzt und mehrheitlich eine Partei gewählt, die all diese Werte mit Füssen tritt. Sie hat sich wie ein kleines wütendes Kind verhalten. Das ist kein Wunder. Der Mensch ist nichts anderes als ein kleines wütendes Kind. Und Kinder können noch nicht lesen. Sie erwarten, dass man ihnen die Welt erklärt. Voilà.
Schalten wir also unsere Gehirne aus, geben wir uns in kollektiver Aphasie einem KI-generierten Dämmerschlaf hin. Auf dass auf Erden Frieden herrschen möge.