Linder liest

Der Bücherfresser

In New York wurde einem Mann die Wohnung gekündigt, weil er zu viele Bücher besass. Ähnliches hätte auch unserem Kolumnisten passieren können.
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Donnerstag, 06. August 2026

Besitzen Sie noch Bücher? Falls ja, sollten Sie sich vorsehen. Sie könnten nämlich bald schon auf der Strasse stehen. So geschehen ist das einem jungen Bibliophilen in New York. Ihm wurde die Wohnung gekündigt, weil er zu viele Bücher besass.

Die «ZEIT» hat darüber berichtet. Er besass 10 000 Stück auf knapp 56 Quadratmetern, wodurch man auf einen moderaten Junggesellenkoeffizienten von 178,57 kommt. Die Hausverwaltung aber drohte wegen des «stark überfüllten Zustands» mit Räumung und betrachtete das intellektuelle Kapital vor allem als Brandgefahr.

Als ich das las, erinnerte ich mich an meine eigene Wohnung, die ich während und auch nach meiner Studienzeit in Basel gemietet hatte. Ich wohnte damals allein in einer Dachwohnung, die ähnlich klein wie jene des New Yorkers und ebenfalls vollgestopft mit Büchern war (Junggesellenkoeffizient: 134,8).

Bei mir hat sich aber nie jemand wegen des stark überfüllten Zustands beschwert. Dann schon eher wegen der seltsamen Junggesellenmenüs, die ich damals für mich zubereitete. Ich lebte allein. Nein. Das stimmt nicht. Ich lebte zusammen mit Büchern. Ich brauchte immer mehr.

An meinen freien Nachmittagen (und waren nicht alle Nachmittage damals frei?) machte ich mich auf den Weg zu meinem Umschlagplatz: dem Bücher-Brocky hinter dem Bahnhof im sonst stinklangweiligen Gundeli-Quartier. Die tiefe Lagerhalle betrat man durch eine blau gestrichene Doppelflügeltür, um sogleich in den stockfleckigen Mief gebrauchter Bücher einzutauchen.

Da reihten sich endlos lange Regale voller feuchter Versprechen. Und zwischen den Regalen herumschleichend: seltsame Typen wie ich. Männer um die dreissig, vierzig. Verkappte Schriftsteller. Roman in der Schublade. Alleinstehend. Man sah es den Kleidern an. Suppenflecken auf dem Hemd. Die Hose verknittert. Statt eines Gürtels auch mal einfach ein Seil.

Die Profis unter ihnen zogen Einkaufswagen hinter sich her. Einkaufswagen, wie man sie aus dem Coop oder der Migros kennt. Doch in diesen Wagen befanden sich keine Lebensmittel, sondern: Kunstbände der Renaissance; geschichtliche Werke über den Sonderbundskrieg; die Autobiografie von Winston Churchill; ein Reiseführer durch die Toskana. Man hatte den Eindruck, dass sie die Bücher nicht nach dem Inhalt wählten, sondern nach Gewicht.

Es gibt Menschen, die interessieren sich für Bücher wegen ihrer Gestaltung. Weil sie alt sind, selten und daher kostbar. Diese Menschen nennt man bibliophil.

Und dann gibt es solche, die interessieren sich für Bücher aus dem einzigen Grund, weil sie noch mehr davon brauchen. Sie suchen keine Bücher. Sie fressen sie. Sie sind bibliophag. Ich war bibliophag. Und ich bin es vermutlich immer noch, doch kann ich es mir heute nicht mehr erlauben.

Als ich mit meiner Frau zusammenzog, stellte sie mich vor die Wahl: die Liebe oder die Bücher. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Die Bücher lagern seither in unzähligen Kisten bei meinen Eltern im Keller.

Diesen Sommer fasste ich den Plan, die Kisten endlich durchzugehen und einer strengen Selektion zu unterziehen. Als ich die erste öffnete, stieg mir ein altvertrauter Geruch entgegen. Es war der Geruch des Bücher-Brockys in Basel und der freien Nachmittage, die ich dort verbracht hatte.

So sass ich auf dem Boden vor der geöffneten Bücherkiste und dachte an das seltsame Leben, das ich damals geführt habe und das ich heute manchmal im Traum noch führe.

  • bref Magazin – Zum Beispiel Lesotho

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