Der ehrliche Klappentext

«Laufen» von Isabel Bogdan

Eine Frau wird vom Tod ihres Partners aus der Bahn geworfen – und findet über das Laufen ins Leben zurück. Mit Laufen ist der Schriftstellerin Isabel Bogdan ein erstaunlich unsentimentaler Roman über das Trauern und das Weiterleben gelungen.
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Freitag, 06. Dezember 2019

Die Ich-Erzählerin ist 43 Jahre alt, Bratschistin und hat vor einem Jahr ihren Partner verloren. Um sich von der lähmenden Trauer zu lösen, fasst sie einen Beschluss: Sie beginnt zu laufen. Schon die ersten Zeilen der 200 Seiten langen Erzählung heften sich an die körperliche und mentale Anstrengung der Läuferin: «Ich kann nicht mehr. Das ist natürlich Quatsch, ich bin gerade erst losgelaufen, aber schon an der Ampel glaube ich, ich kann nicht mehr …»

Laufen ist der dritte Roman der Anglistin und Übersetzerin Isabel Bogdan. Darin protokolliert sie den Trauer­prozess ihrer Protagonistin als innere Stimme, die sich beim Laufen Gehör verschafft. Sie folgt den Gedanken der Ich-Figur während fast eines Jahres. Die Erzählerin sinniert über das Sich-Aufrappeln, das Atmen, und sie erlebt, wie sie sich mit wachsendem Tempo und immer mehr Laufgenuss im Park und später rund um die Hamburger Alster bewegt. Doch geht es der Protagonistin dabei nicht darum, der Trauer zu entfliehen. Vielmehr wird sie im Laufen mit ihrem ganzen Leben konfrontiert.

Immer wieder kehren ihre Gedanken zurück zur früheren Beziehung: Wie das gelaufen ist, dass ihr Sex erlosch. Dass sie keine Kinder mit ihrem Mann hatte. Dass sie schliesslich mit einem anderen geschlafen hat. Nach und nach kriegen auch die Gegenwart und die Zukunft Raum, wenn sie über eine neue Wohnung nachdenkt, ein neues Bett kauft und irgendwann feststellt, dass sie nicht mehr im Schlafanzug ihres verstorbenen Partners schläft.

Ihre Gedanken kreisen während des Laufens auch um ihr Umfeld: Mit ihrer Freundin Rike kann sie über alles reden. Sie bestärkt ihre Gefühle und hütet sich davor, sie trösten oder beraten zu wollen. Anders das Verhältnis zu den Eltern ihres verstorbenen Partners. Mit ihnen hat sie sich verkracht, weil diese ihren toten Sohn und die Trauer um ihn für sich allein beanspruchen wollen.

Die leichtfüssige Sprache, in der Bogdan die Schwere der Trauer erfasst, erzeugt eine kraftvolle Spannung. Herrlich beiläufig seziert die Erzählerin die klischierte Trauerrhetorik. Im Wort «Kriseninterventionsteam» etwa, so die Erzählerin, klinge Krise «wie eine Phase, als würde es vorbeigehen, und Intervention hört sich an, als könnte man es abbiegen, aber in Wahrheit ist es zu Ende, dein Leben ist zu Ende, vorbei, nicht in einer Krise». Verarbeiten könne sie Gemüse, aber keinen Tod. Auch stört sie sich an der Floskel, dass jeder «sein Päckchen zu tragen» habe: «Ich trage kein Päckchen, sondern ­Löcher.»

Aber auch religiöse Fragen geraten auf dem Weg aus der Trauer in ihr Bewusstsein. An Weihnachten etwa spielt die Bratschistin Konzerte, im Repertoire auch das Adventslied aus dem Dreissigjährigen Krieg, das sich mit der Zeile «Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?» nach Gott sehnt. «Was das mit dem Leiden soll», fragt sie sich und findet eine Antwort darin, dass sie solch ein Stück spielen und sogar mögen kann – selbst mit Tränen in den Augen.

Erst spät wird klar, dass der Mann der Erzählerin sich in einer Depression das Leben genommen hat. Sie habe es nicht gemerkt, sie hätte es merken müssen, sie hätte es nicht merken können, hadert sie. Die Schuldgefühle entlarvt sie mit Hilfe einer Therapeutin als «falsche Gedanken». So gelingt es ihr, die Selbstanklage hinter sich zu lassen. Gegen Ende des Buches, als sie den Alsterlauf mitläuft und ihre Gedanken immer mehr um Gegenwart und Zukunft kreisen, taucht ein neuer Mann auf – und mit ihm auch die Aussicht auf einen Neuanfang. Bogdans Roman ist Leselust und Trauerseminar in einem: sprachlich ein Genuss, klug und wunderbar unsentimental-konkret.

Isabel Bogdan: Laufen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019; 208 Seiten; 24 Franken.