Der ehrliche Klappentext

«Lamento. Brief an den Vater» von Susanna Schwager

In «Lamento. Brief an den Vater» erzählt die Schriftstellerin Susanna Schwager die letzten Monate ihres an Parkinson erkrankten Vaters. Das Buch im Stil eines Klagelieds zeigt auf berührende Weise unsere Hilflosigkeit am Ende des Lebens.
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Freitag, 13. August 2021

Seit 2004 hat Susanna Schwager, Jahrgang 1959, ehemalige Lektorin bei Diogenes, mit ihren subtil-einfühlsamen Porträts so etwas wie eine neue Literaturform geschaffen. Eine Erzählweise, von der Peter Bichsel sagte, sie lasse «die Menschen ausreden. So entsteht Nähe. Die kleinen Nebensächlichkeiten machen die Porträtierten zu Menschen.» Auf den Erstling «Fleisch und Blut – Das Leben des Metzgers Hans Meister» folgten «Die Frau des Metzgers» und «Ida. Eine Liebesgeschichte». Seit 2007 entstanden vier Bände mit Porträtierten verschiedener Lebensalter, 2014 «Freudenfrau. Die Hexe und die Heilige», und schliesslich nun, offenbar als erster Band einer Serie zum Thema «Der Tod und die Liebe», der schmale Band «Lamento. Brief an den Vater».

Im Stil eines Lamentos, eines kirchlichen Klagelieds, erzählt sie da für sich und ihn selbst die letzten Monate ihres Vaters, der an Parkinson litt, nochmals nach. Um sein Leiden, vielleicht auch seine Tapferkeit sichtbar zu machen und die Schuldgefühle zum Ausdruck zu bringen, die sie heimsuchen, weil sie ihn der professionellen Fürsorge auslieferte. Der Vater wird dabei als etwas patriarchalischer Familienvater beschrieben, der in seiner Freizeit als Deltasegler über der Landschaft schwebte, sich aber auch nicht schämte, die Kinder gern zu haben, obwohl er eher ein introvertierter Mensch war und seiner Tochter nur einen einzigen Brief schrieb.

«Mein Väterchen, wie ich Dich nur im Geheimen nannte», heisst es in einem dem Text vorangestellten Gedicht, und es scheint, dass die Tochter ihm erst in seinen schweren letzten Monaten nahegekommen ist. Diese Zeit beginnt mit den ersten Anzeichen der nicht erkannten Parkinson-Erkrankung und dem Tod der Lebensgefährtin. Und das, was dem Vater, allein gelassen, bevorsteht, ist so belastend, dass die Tochter schon früh ausruft: «Da ist ein grosses Versagen rund um Deinen Tod, alter, tapferer Mann. Das nimmt mir den Frieden.»

Auf die Zeit im «Stadtbergheim», wo er immer nur wegwollte, folgt eine relativ glückliche Zeit im Pflegeheim «Haus der grossen Frau», das seine Bewohner nach dem Motto «Wenn die Leute sich freuen, sind sie weniger krank» betreut. Bis ein junger Mann mit Krawatte das Szepter übernimmt und der Vater mit Temesta «ruhiggestellt» wird, denn «er ist halt durch die Demenz störrisch und manchmal aggressiv».

Was dazu führt, dass die Tochter ihren Vater «einsam und voller Drogen» unter dem Tisch vorfindet, wohin er sich verkrochen hat. Bis man ihn schliesslich in eine psychiatrische Klinik überstellt. Von einem Herzstillstand erholt er sich wieder, und als er dann an einem weiteren Herzstillstand stirbt, sind wie beim Tod seiner Frau draussen die Amseln zu hören. Halb bewusst, halb verträumt hat er die schlimme Zeit durchgestanden, indem er mit den Farbstiften, die er zu Stümpfen zerdrückte, gelbe Blumen malte. Nur gelbe.

Das Buch konfrontiert einen mit etwas, was immer wieder passiert und was wohl damit zusammenhängt, dass wir noch weit davon entfernt sind, ein ähnlich grosses Gewicht auf die Betreuung des letzten wie auf jene des ersten Lebensabschnitts zu legen. Niemand weiss Rat, als der alte Mann, gefüllt mit Psychopharmaka, hilflos, nackt und zitternd unter dem Tisch liegt. «Holdes hättest Du da gebraucht», heisst es dann, «Angelächelt werden mochtest Du … die Musik, die Du liebtest, hätte Dir gutgetan, das Lied vom Räuber, das Glöcklein, das Sternlein, der Heimatvogel. Gewöhnliche Dinge. Leise Dinge. Hände mochtest Du. Frische Luft. Und den Himmel. So einfach wäre es gewesen. Aber niemand war da, der das Sterben verstand.»

Was Peter Bichsel ganz allgemein zu Susanna Schwagers Art zu Schreiben gesagt hat, dass «die kleinen Nebensächlichkeiten die Porträtierten zu Menschen» machten, trifft in dem minutiös genauen Bild, das da eine Tochter von ihrem Vater gibt, auf berührende Weise zu. Das Ganze bekommt aber diesmal eine ganz besondere Tiefe, weil alles unter dem Zeichen der Unerbittlichkeit des Todes steht.

Susanna Schwager: «Lamento. Brief an den Vater». bilgerverlag, Zürich 2021; 172 Seiten, 27.90 Franken.

Charles Linsmayer ist freier Journalist.

  • N° 7/2021

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