Aus der Herzkammer

Lachen essen Angst auf

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 20. März 2020

Schere schneidet Papier.

Papier verhüllt Stein.

Stein zertrümmert Schere.

So haben wir das als Kinder gespielt.

And the winner took it all.

Dezember 1996. Unsere Eltern fliegen mit meinem Bruder und mir auf die Malediven.

Unsere erste Fernreise! Es war so aufregend.

Wir wohnten auf einer klitzekleinen Atollinsel mit einem herrlichen Korallenriff drumherum.

Mein Bruder und ich schnorchelten den ganzen Tag dem Riff entlang und bewunderten die vielen bunten Fische und Pflanzen.

Moränen, Rochen, Oktopoden, Schwärme von Barrakudas, Riffhaie, die eindrucksvollen Rotfeuerfische und so weiter und fort.

Eines Tages schnorchelten wir stundenlang dem Riff entlang und bemerkten nicht, dass es uns kilometerweit vom Strand unserer Insel wegführte.

Da taucht mein Bruder auf und sieht, wie weit weg wir vom Ufer sind, und kriegt eine Art Panikattacke.

Er reisst sich Maske und Schnorchel vom Gesicht und keucht und plantscht und pritschelt wüst umher.

Ich tauche auf und sehe meinen Bruder ausser Rand und Band, wie man sagt, und sehe das ferne Ufer. Ich fand das jetzt auch nicht wirklich toll, aber in dieser Zuspitzung kommt mir von irgendwoher ein Spruch in den Sinn, der mir eigentlich gar nicht ähnlich sah: «Oida! Bleib’ gelassen, heast!» (Alter, bleib gelassen, hörst!)

Da beginnt mein Bruder plötzlich zu lachen. Und hört gar nicht mehr auf.

Ich muss mitlachen, und wir zwei strampeln da draussen mitten im Meer und kichern und kudern.

Mein Bruder erzählt diese Geschichte bis heute immer wieder und sagt dann immer: «Der Ramin hat mir mit diesem ‹Oida! Bleib’ gelassen, heast!› die Synapsen wieder verknüpft und ich konnte wieder klar denken. Und dann sind wir halt ganz einfach ans Ufer zurückgeschwommen. War eh kein Problem.»

Mag sein, dass Schere schneidet Papier und Papier verhüllt Stein und Stein zertrümmert Schere. No, soll sein. Aber ich finde das Beste von allem ist Lachen. Denn Lachen schneidet und verhüllt und zertrümmert Angst. «Angst essen Seele auf» hat der wunderbare Regisseur Rainer Werner Fassbinder einst einen seiner Filme genannt.

Lachen essen Angst auf, finde ich. Gerade in diesen Zeiten.