Name des Künstlers: vergessen

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Autorin: Zora del Buono
Freitag, 17. September 2021

Künstler unbekannt: «Köpfe» aus dem Jahr 1987, 80 × 60 cm, Gouache auf Papier, entstand in der Tradition des Art brut.

Mutter hat den Namen des Künstlers vergessen. Jedesmal, wenn sie in meine Wohnung kommt, sagt sie: «Starkes Bild.» Sie betrachtet es immer wieder aufs neue, ist überrascht von seiner schlichten, rohen Kraft. «Art brut», antworte ich dann, und dass es 1987 in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden entstanden sei, in jenem Jahr, als ich die Schweiz verliess (und Mutter dazu – aber das sage ich nicht, denn jetzt bin ich ja zurück, in der Schweiz genauso wie bei Mutter), um in eine Grossstadt zu ziehen. Art brut: Der Begriff stammt von Jean Dubuffet und bedeutet die autodidaktische Kunst von Menschen mit psychischen Erkrankungen, von Gefängnisinsassen, von Unangepassten allgemein (in Amerika nennen sie das dann Outsider Art, aber Art brut gefällt mir besser), auch von Kindern, die rohe, pure Art, sich auszudrücken, unverbildet gewissermassen.

Mutter leitete damals eine städtische Galerie im schweizerischen Mittelland. Ihre Entscheidung, eine Ausstellung mit Arbeiten künstlerisch begabter Patienten einer psychiatrischen Anstalt zu machen (Anstalt: so nannte man das), schlug hohe Wogen. Von Kritzeleien war die Rede, von Dilettantismus, von falscher Kunst, auch von Voyeurismus und Ausbeutung wehrloser Menschen. Ich erinnere mich gut, denn Mutter war oft in der Klinik, um mit den Künstlern zu sprechen, ihre Arbeiten anzuschauen und auszusuchen. «Köpfe» war ihr Lieblingsbild, sie hat den roten Punkt in der Galerie an die Wand geklebt, bevor ein anderer es erstehen konnte.

Die zwei Gesichter können vieles bedeuten, die Zweisamkeit eines Paars, Vater und Kind, Freunde, Leidensgenossen – oder die beiden Seiten einer Person. Das Rosa ist so versöhnlich, so kindlich und munter, dass es der Schwärze den Schrecken nimmt.

Mutter hat so viel mehr vergessen als den Namen des Künstlers (daran glaube ich mich zu erinnern: dass J. B. oder D. B. ein Mann war). Und bestimmt hätte ihr davor gegraut, eines Tages mit fremden Menschen an einem fremden Tisch zu sitzen, Papier und bunte Stifte vor sich. Doch das kann jedem von uns passieren, irgendwann. Hoffentlich malen wir dann alle roh, wild und froh.

Reproduktion Bild: Michel Gilgen. Das Bild befindet sich im Familienbesitz der Autorin.

Die Schriftstellerin Zora del Buono studierte an der ETH Zürich Architektur und war Gründungsmitglied der Zeitschrift «mare». Seit 2008 veröffentlichte sie sieben Bücher, ihr letzter Roman, «Die Marschallin», erschien 2020. Del Buono zog 1987 nach West-Berlin, heute lebt sie in Zürich und Berlin.