Kuratiert von Ralph Gassmann

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Freitag, 12. November 2021

In der Agglomeration von Zürich aufgewachsen, wohne ich seit bald zehn Jahren in Berlin. Eine Stadt mit Tücken im Alltag, aber eben auch mit einer Gemäldegalerie, die hervorragende europäische Malerei des 13. bis 18. Jahrhunderts beherbergt.

Es war ein trüber Herbsttag, als ich von Gemälde zu Gemälde ging, mal begeistert, mal interessiert. Irgendwann stand ich vor einem Gesicht und wurde still.

Auf einer kleinen Tafel daneben las ich, dass es sich um eine mittelalterliche Jesus-Ikone eines unbekannten Künstlers aus der Region Westfalen handelt.

Ich fand das Bild weder besonders schön, noch hatte es ein ausgefallenes Merkmal, das meine Aufmerksamkeit hätte wecken können. Es war einfach nur: schlicht. Jetzt ist es so, dass Menschen der Berufsgruppe Schauspieler, zu der ich zähle, das Schlichte nicht sonderlich mögen. Unser Interesse am Vielschichtigen und Komplexen ist meist grösser. Von dieser Ikone fühlte ich mich aber irgendwie angezogen. Sie war der Beweis: Das Schlichte ist faszinierend, weil unergründlich.

Der Maler hat mit seiner Arbeit ein Stück Wahrheit geschaffen, indem er seine Innenwelt in der Aussenwelt zum Ausdruck brachte. Aber kann Kunst überhaupt Teil beider Welten sein? Eine Frage, die mich an eine Aussage meines Professors an der Schau­spielschule in Manchester erinnert. Auf die Frage einer Studentin, ob Hamlet als ein realer Mensch betrachtet und ernstgenommen werden soll oder ob er lediglich ein Produkt der Phantasie sei, meinte der Professor, dass es keinen Unterschied zwischen der Phantasie und der Wirklichkeit gebe: Wenn laut Shakespeare «etwas faul im Staate Dänemark» sei, dann sei dies als Sinnbild für die zeitlosen, universalen Probleme der realen Gesellschaft zu verstehen. Shakespeare spreche dieses Thema auch direkt durch die Stimme seiner eigenen Hauptfigur an, wenn Hamlet seinen Schauspielern am Hof die Anweisung gibt, «der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten» – also ein Stück Wahrheit der realen Welt widerzuspiegeln.

Der Blick der Jesus-Ikone ist von mir abgewandt. Allerdings so, dass er auf seltsame Art und Weise doch Kontakt zu mir sucht. Ich, der Religionsferne, erkenne mich selbst als Mensch in ihm, als schaute ich in den Spiegel. Der Künstler hat es also geschafft, eine geradezu physische Verbindung zwischen der Ikone und mir als Betrachter herzustellen. Das ausserhalb der realen Welt verortete Kunstwerk wird durch den Vorgang des Betrachtens Wirklichkeit.

So schlicht die Ikone, so zutiefst menschlich ist das, was der Künstler in sie hineingelegt hat.

Künstler unbekannt: «Das Heilige Antlitz Christi» entstand um 1400. Das Ölgemälde auf Eichenholz stammt aus Westfalen und misst mit Rahmung 45 × 31,8 cm. Es hängt in der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin.

  • N° 10/2021

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