

Tramhaltestelle Tierspital in Zürich: Ein fast perfekt symmetrisches Bild des Fotografen Matthias Lüscher.
Wo sind wir hier? In einem Schwimmbecken ohne Wasser? In einem Techno-Tempel? Die kühlen Kacheln laden nicht zum Verweilen ein. Nur zwei warm angezogene Personen warten im grellen Licht. Sie schauen aneinander vorbei und werden weg sein, sobald das nächste Tram sie verschluckt hat.
Die beiden Gleise verraten, dass wir in einer Untergrund-Haltestelle sein müssen. Das Foto ist fast perfekt symmetrisch. Die Uhrzeit leuchtet rot. Vermutlich wird demnächst ein Tram pünktlich einrollen, überwacht von zwei Kamera-Augen an der Decke.
Das Bild des Schweizer Fotografen Matthias Lüscher zeigt die Tramhaltestelle Tierspital in Zürich. Kein Kraut wächst im Schotter. Keine Lampe ist verlöscht. Keine Kachel ist zerbrochen. Eine perfekte, pünktliche, propere Welt. Auf mich wirkt diese Momentaufnahme unseres schweizerischen Kosmos kalt.
Lüscher sieht in unterschiedlichen Situationen des Alltags immer wieder Schönheit aufblitzen oder Humor oder überraschende Strukturen. Im Bild «Warten auf Godot» enthüllt er eine Welt, die zwar tadellos funktioniert, aber kalt wirkt. Die beiden Menschen bleiben für sich. Figürchen, in einer makellosen Maschinerie, die läuft und läuft und läuft.
Sie warten an einer Haltestelle, einem Ort zum Weiterreisen. Ich sehe in diesem Bild einen perfekten Ort, an dem aber niemand verweilen will. Alle wollen weiter. «Fort von hier, nur fort von hier!», ruft ein gehetzter Reiter in «Fragmenten aus Heften und losen Blättern» von Franz Kafka.
Wie der Seher Johannes von Patmos sieht der Fotograf Lüscher die Welt, wie sie wirklich ist hinter der properen Fassade: nützlich, aber hässlich; hart und kalt; gebaut, um weiterzurasen. Allein.
Der Seher Johannes in der Bibel wollte enthüllen, wie seine Welt, die Insel Patmos, von der römischen Gewaltherrschaft verwüstet wurde: Verfolgungen von Christinnen und Christen, Mord, Kahlschlag der Insel für den Bau von Galeeren für die Mächtigen. Johannes ging es um die Apokalypse (griechisch: Enthüllung, Entkleidung, Entlarvung) seiner Gegenwart. Es ging ihm nicht um die Zukunft, wie manche meinen, die sein Buch, die Offenbarung, missverstehen. Die Gegenwart ist schlimm genug.
Lüschers apokalyptisches Bild enthüllt unsere Gegenwart, wie sie wirklich ist hinter der perfekten Fassade. Um diese Wirklichkeit zu sehen, braucht es einen zweiten und dritten Blick. Besonders, wenn wir Geld haben, um mit dem ÖV zu fahren, und damit das Recht, einfach einzusteigen und abzufahren. Die glatte Oberfläche verführt zur Beschönigung: Alles ist so wirklich und effizient und evident und gäbig. Worauf warten wir eigentlich?
Matthias Lüscher ist Kommunikationsspezialist und Fotograf in Bümpliz. Einen Einblick in sein Schaffen vermittelt die Internetseite myperspectives.ch, die er seit zehn Jahren pflegt.