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Autor: Martin Zimper
Freitag, 24. Januar 2020

Lissy Funk: «Der fröhliche Augenblick» (1971), 190x265 cm, Wandteppich.

Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Eher ein Flirt, ein aufflackerndes Begehren, als ich im März 2011 die Auktionsausstellung «Schweizer Kunst» im Kunsthaus Zürich besichtigte und er mir ins Auge sprang: ein Wandteppich im Grossformat, eindrückliche fünf Quadratmeter gross. Sollte ich mitbieten, sollte ich nicht? Angesichts der kleinen Brieftasche gab ich das Mindestgebot ab, mehr nicht. Tage später die Mitteilung, ich hätte das Werk erstanden. Was so viel heisst wie: niemand ausser mir war an diesem Wandteppich interessiert. Die Sammlung Bührle, in deren Besitz er war, wollte die Kunst offenbar dringend um jeden Preis verkaufen.

Seither begleitet mich die Ungeliebte. Mehr noch: Wir sind ein Paar. In meinem Büro in der alten Zürcher «Kunschti» hinter dem Museum für Gestaltung war die Wand hinter meinem Schreibtisch gross genug für die abstrakte textile Kunst. Sie wurde rasch, wie der Brite zu sagen pflegt, «a piece of conversation».

Die Künstlerin des Werkes, die 1909 in Berlin geborene Lissy Funk, unterrichtete wie ich ebenfalls an der Zürcher «Kunschti», sie ist also eine zeitversetzte Kollegin. Ihre Welten erschuf sie mit Nadel und Faden. Erst in ihren späten Jahren, da war sie bereits über 50­, wandte sie sich dem Abstrakten zu. Davor zeigten ihre Wandteppiche idyllische Naturszenen mit spirituellem Einschlag, zum Beispiel einen Engel oder Szenen aus dem Leben Jesu. Letztere sind bis heute im Münster Allerheiligen in Schaffhausen zu sehen.

In den revolutionären sechziger Jahren machte die Künstlerin eine Sinn- und Schaffenskrise durch. Das Figürliche «entzog sich mir langsam», wird sie in einem Buch zitiert, «allmählich kam ich dazu, in mich selbst hineinzuschauen … Erfahrungen in meine Nadel zu geben, und so kam ich zu mir selbst».

Mein Wandteppich entstand 1971. Er ist ein Werk der älteren, transformierten Funk, der Spirituell-Christliches wichtig war. Was sehe ich, wenn ich das Werk betrachte? Welche Erfahrung hat die Künstlerin in sich hineinschauend «in die Nadel gegeben»? Ein Antwort gibt mir der Titel: «Der fröhliche Augenblick». Funk war 62 und spürte wohl Fröhlichkeit in sich, im Augenblick. Ich spekuliere weiter: im Spirituellen, im Christlichen, in Jesus, dessen Lebensszenen sie früher figürlich darstellte und den sie nun fröhlich innerlich empfinden konnte. Ich mag es, mir vorzustellen, dass Lissy Funk an einem bestimmten Punkt ihres Lebens zur Erkenntnis kam, dass sie Gott nicht mehr konkret-menschlich darstellen kann, sondern besser und zutreffender abstrakt, als ständig verfügbaren, gewebten, aus vielen anstrengenden Nadelstichen entstandenen «fröhlichen Augenblick».

Als ich mit meinem alten Büro an den neuen Standort der Zürcher Hochschule der Künste im Westen der Stadt umsiedeln musste, bedeutete dies auch das Ende für Funks «Augenblick»: das Grossraumbüro war schlicht zu eng. Heute hängt der Teppich über dem Esstisch in der Wohnung von mir und meinem Mann im Zürcher Seefeld. Nur einmal war die Wand leer. Das Neue Museum Biel hatte sich den Teppich für eine Ausstellung über Lissy Funk, die 2005 in Zürich verstarb, für einige Monate ausgeborgt. Mein Wandteppich, der einst verschmähte, war die Hauptattraktion und zierte das Ausstellungsplakat, eine Postkarte und gar die wehende Fahne vor dem Museum.

Einmal mehr wurde mir klar: Wer einen fröhlichen Augenblick besitzt, der sollte ihn festhalten, betrachten und mit anderen teilen.

Martin Zimper ist Professor an der Zürcher Hochschule der Künste, wo er die Fachrichtung «Cast / Audiovisual Media» leitet. Der gebürtige Österreicher studierte in Wien Kommunikationswissenschaft, Philosophie, Theaterwissenschaft und Volkswirtschaftslehre.