Sich als Fremde nahe kommen

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Autorin: Maike Lex
Freitag, 13. August 2021

Die 90minütige Performance «Imponderabilia/Unwägbar» wurde erstmals 1977 von Marina Abramović und Ulay am Eingang der Galleria d’Arte Moderna in Bologna aufgeführt.

Ich steige in Belgrad aus dem Flugzeug. Strahlende Sonne, 12 Grad. Es ist November 2019. Nie zuvor habe ich diesen Boden betreten. Unbekanntes Land. Fremde. Wenige Stunden später stehe ich vor dem Museum für Zeitgenössische Kunst. «Čistač», «Putzkraft» heisst die Ausstellung, die das Lebenswerk von Marina Abramović präsentiert. Ausgerechnet im Land ihrer Herkunft treffe ich wieder auf die legendäre Performancekünstlerin.

Ihr Werk hatte ich als Studentin entdeckt. Fasziniert sah ich damals mittels VHS-Kassetten aus dem Hochschularchiv zu, wie Abramović in einem Feuerstern tanzte, bis sie ohnmächtig wurde. Auch schaute ich mir viele Performances mit ihrem damaligen Partner Ulay an. Sah, wie das Paar sich gegenübersass, sich konzentriert anblickte und sich abwechselnd Ohrfeigen verpasste. Mein Hintergrund war das Theater, wo Spiel, Nachahmung und Fiktion wichtig sind. Wie unmittelbar Abramović und Ulay sich und mich als Zuschauende mit ihrer Kunst in ein Spannungsfeld brachten, war neu für mich.
Hier in Belgrad ist Abramović nicht anwesend. Aber sie ist es eben doch: In der Ausstellung führen lokale Performerinnen und Performer mit sogenannten «Reenactments» ihr Werk fort. Ich erkenne die Arbeit «Imponderabilia/ Unwägbar» wieder. In der Türöffnung zum Ausstellungsraum stehen nackt zwei Menschen. Die eine Person erscheint körperlich beeinträchtigt, ihre Hüfte ist irgendwie krumm, aber mir fallen ihre aufrechte Haltung und ihr stolzer Blick auf. Ihr gegenüber steht ein vermutlich intergeschlechtlicher Mensch, der sie ebenso selbstbewusst anschaut. Ich bilde mir zwischen den beiden eine intime Verbundenheit ein, reihe mich ein in die Gruppe der Davorstehenden. Man wartet. Schaut. Überlegt, ob man hindurchgehen soll.

Es ist ja eine Einladung, eine Aufforderung: «Stelle dich dem Unbekannten. Stelle dich der Nähe! Setz dich aus!» Wäre es dennoch höflicher und korrekt, es nicht zu tun und auf den Eintritt in den Ausstellungsraum zu verzichten? Ist Wegschauen eine Option? Die beiden fordern uns Zuschauende heraus, beziehen unsere Anwesenheit mit ein. Interaktion ist erwünscht, als soziale Erfahrung, als Selbsterfahrung. Was erleben wir gemeinsam? Wie beobachten wir einander? Wer mischt sich ein?

Alles Fragen, die mich elektrisieren, weil sie die Kunst radikal mit dem Leben verbinden. Ich muss es probieren und gehe auf die beiden zu. Obwohl ich die Jacke ausgezogen habe, habe ich keine Chance, ohne ihre Körper zu berühren, durch sie hindurchzugehen. Ich versuche vorsichtig und zügig zu gehen, suche den direkten Blickkontakt nicht. Im Nachhinein eigentlich schade. Ich spüre, dass es mir unangenehm ist, dass ich das Gefühl habe, sie doch missbraucht zu haben. Aber die zwei rühren sich nicht. Mein Hindurchgehen scheinen sie nicht mehr oder weniger zu bemerken als alles andere, was zuvor und nachher geschieht. Es ist erst der Anfang meiner Reise. Belgrad! Wie nah man einander kommen kann, wenn man sich doch so fremd ist.

Bild: Courtesy of the Marina Abramović Archives / Pro Litteris Zürich

Maike Lex ist seit 2010 Geschäftsführerin und Künstlerische Leiterin am Schlachthaus Theater Bern. Am 9. September feiert ihre Inszenierung des Texts «Das doppelte Leben» von Daniela Janjic Premiere. Das Stück ist eine Koproduktion mit dem Kosztolányi Dezső Theater in Subotica, Serbien, dem Theater Qendra Multimedia in Pristina und dem Theater Winkelwiese in Zürich.

 

  • N° 7/2021

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