Kuratiert von Linda Schädler

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Autorin: Linda Schädler
Freitag, 14. Mai 2021

«Totentanz», Christiane Baumgartner

Mich haben schon immer Kunstwerke interessiert, die sich nicht auf den ersten Blick ergründen lassen. Es packt mich, wenn ich Schicht um Schicht abtragen muss, bis sich mir deren Idee offenbart. Das war auch bei Christiane Baumgartners «Totentanz» so: Die einzelnen Bilder zeigen undefinierte Formen vor dunklem Hintergrund. Sind das Wolken? Oder doch eher Nabelschnüre?

Bei einem Treffen erzählte mir die Leipziger Künstlerin von der Entstehung des Werks. Sie habe von ihrem Fernseher eine Dokumentation abgefilmt, dann 15 Standbilder ausgewählt und von jedem einen Holzschnitt angefertigt. Meine Neugier war geweckt: Eine Künstlerin, die ein 500 Jahre altes Druckverfahren nutzt, um eine Technik aus dem 20. Jahrhundert aufzubereiten, das faszinierte mich. Ebenso, wie in ihrer Kunst ein schnelles, flüchtiges Medium auf ein langsames, beständiges trifft.

Wer das rund 2 × 4,5 Meter grosse Kunstwerk aus der Nähe betrachtet, kann gut den Moiré-Effekt erkennen, der als horizontale Linie in Erscheinung tritt. Er entsteht beim Filmen ab TV. Das Rätsel um das abgebildete Motiv löst er allerdings nicht, im Gegenteil: Für die Betrachterin bleibt weiterhin alles in der Schwebe.

Am Ende frage ich bei der Künstlerin nach. Der Dokumentarfilm zeigt den Zweiten Weltkrieg. Auf den Bildern sind die Rauchschwaden eines Flugzeugs zu sehen, das gerade im Begriff ist, vom Himmel zu stürzen. Gefilmt wurde es von einer fest installierten Kamera an Bord der Maschine.

Das Schweben zwischen Leben und Tod ist in Christiane Baumgartners «Totentanz» zu einer eindrücklichen Momentaufnahme geronnen. Stehe ich davor, so erscheinen die Schwaden wie ein heiterer Tanz – und doch sind es die letzten Spuren eines im Krieg taumelnden Menschen.

Linda Schädler ist seit 2016 Leiterin der Graphischen Sammlung ETH Zürich. Die promovierte Kunsthistorikerin kuratiert immer wieder Ausstellungen an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Das Werk «Totentanz» hat sie 2019 für die ETH Zürich angekauft.