Kuratiert von Köbi Gantenbein

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Freitag, 13. Mai 2022

BILD: (KEYSTONE / ARNO BALZARINI)

Ab und zu fahre ich mit der Rhätischen Bahn von Chur zur Bahnstation Sumvitg-Cumpadials. Ich steige eine gute Stunde nach Sogn Benedetg hinauf und setze mich in die hölzerne Kapelle. 1988, als sie eingeweiht wurde, habe ich zusammen mit Benedikt Loderer die Zeitschrift «Hochparterre» gegründet. Seit Beginn steht in fast jeder Ausgabe ein Beitrag über Bündnerisches, denn ich komme von dort und kenne den Kanton so gut wie kein Stücklein Erde sonst.

Die Kapelle hat mein Schauen, Schreiben und Denken über Architektur geprägt. ­Ich habe Journalist gelernt und Sozialwissenschaften studiert – die Kapelle war eine meiner Lehrerinnen im Fach Architekturkritik. Ein Gebäude muss mich faszinieren können, es soll eine Saite in der Seele zum Klingen bringen, mir eine Geschichte erzählen, einen Ort eröff­nen, mir den Weg zu Menschen weisen. Und ich möchte mit überblickbarer Anstrengung begreifen, wie die Bauleute es konstruiert haben. Gelingt ihm das, winde ich ihm ein Kränz­chen, gelingt ihm das nicht, kritisiere ich es als mehr oder weniger missraten. Ich habe viele Texte zu Missratenem geschrieben und hatte umso mehr Freude, über Geratenes zu be­-rich­ten. So über die Kapelle Sogn Benedetg, der ich immer wieder gerne einen Text widme.

Der Architekt Peter Zumthor war schon 45 Jahre alt, als er 1988 die Kapelle für die Benediktiner des Klosters Disentis baute. Sie ist dennoch eines seiner frühen Werke. Bevor er nämlich sein Atelier eröffnete, studierte und zeichnete er jahrelang Häuser und Dörfer für das Inventar der Denkmalpflege im Kanton Graubünden. Aus dieser Ressource entwickelte er seine Bauten – den Ort studieren, den Ort kennen, seine Geschichte, seine Eigenart, seine Form.

Leicht erhöht platzierte der Architekt die Kapelle über der kleinen Siedlung. So ist es Sitte. Doch entgegen dem Brauch baute er sie aus Holz – nur noch in der Val Sinistra im Unterengadin gibt es in Graubünden eine Holzkirche. Wie ein Schifflein ankert sie nun am stotzigen Hang und schaut talauswärts. Vom Kloster Disentis aus reiht sich Gotteshaus
an Gotteshaus wie eine wohlgeordnete Flotte des lieben Gottes. Denn von jeder Kirche führt der Blick zur nächsten, eine sakrale Landschaft, die mich fasziniert, weil jedes Gotteshaus demselben Seelenheil dienen soll und jedes dennoch je eigen entworfen und geformt worden ist.

Stets interessiert mich – wie ist das Haus gedacht und gemacht? Ich stelle mir vor, wie der Küfer sein Fass, so hat der Zimmermann die Rundung der Kapelle in Form gebracht. Der Grundriss erinnert an einen Tropfen – halbe Lemniskate nennen die Mathematiker das. Im Innenraum sitzend, kann ich verstehen, nach welchen Gesetzen das Licht entsteht, das durch die kleinen Glasfenster unter der Decke in den hohen Raum strömt, ihn je nach Stunde anders beleuchtend. Ich schaue mir an, wie das Haus dank Pfosten steht, wie die Decke gespannt ist und wie die Bänke geschreinert sind. Die von aussen markant wirkende Form trägt auch das Innere; die beidseits sich nach vorne und hinten biegenden Wände schaffen Geborgenheit. So sitze ich auf dem Holzbank und singe «La sera sper il lag», ein melancholisches Lied aus der Gegend, und werde ein Teil des Raums.

Die Verknüpfung von Wissen um den Ort und dem Willen, einen neuen Ort zu schaffen, ist der baukünstlerische Aufbruch, der Graubünden seit vierzig Jahren bereichert – die Kapelle Sogn Benedetg ist dafür ein frühes und gut geratenes Beispiel. Peter Zumthor hat den Ort und also das Eigene studiert und er hat ihn mit einer fremden Form weitergebaut

  • N° 4/2022

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