Kuratiert von Gesa Schneider

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Autorin: Gesa Schneider
Freitag, 16. August 2019

Bild: Carcasse, 2016, Ausstellungsansicht, Galerie Gregor Staiger.

Ich kann mich noch sehr gut an eine der ersten Ausstellungen erinnern, die ich besucht habe. Es handelte sich um Zeitgeist, 1982, im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Die Arbeiten der Künstler, unter anderen Cy Twombly, Francesco Clemente, Georg Baselitz, Susan Rothenberg und Anselm Kiefer, setzten sich mit dem zum Teil noch nicht wieder aufgebauten, kriegsgeschädigten Ort auseinander.

Mich interessiert Kunst, die mit ihrem Umfeld interagiert und die ich nicht auf Anhieb verstehe. So geht es mir auch mit den Arbeiten von Sonia Kacem. Auf dem Bild sieht man Skulpturen aus Holz und Metall und eine Stoffbahn. Ich versuche, die Objekte in einen Sinnzusammenhang zu bringen, sie entziehen sich mir aber immer wieder und sind deshalb Herausforderung und Anregung zugleich. Sie geben mir die Möglichkeit, die Welt, die vertraut scheint, anders zu sehen. Dinge verschieben sich: Was ist innen, was ist aussen? Was ist Material, was ist Gerüst? Was kommt zuerst?

Für mich sind Kacems Arbeiten Spuren oder Ruinen von Objekten, die es erst geben wird. Diese Arbeit heisst Carcasse, was sowohl Gerippe als auch Gerüst bedeutet und wieder neue Assoziationen weckt, auf zukünftige Architektur und vergangenes Leben anspielt. Zugleich ist die Installation von sperriger und betörender Schönheit – eine Eigenschaft, die sowohl in der Kunst wie auch in der Literatur als hochproblematisch gilt! Sie ergreift mich, und sie bringt mich dazu, neue gedankliche Räume auszuloten. Natürlich kann Sonia Kacems Kunst auch sozialkritisch gelesen werden. Sie arbeitet viel mit Restmaterial, mit Planen, mit Gegenständen, die entsorgt werden. Für mich schwingt in ihren Installationen eine Geschichte mit, die vom Ende des Menschen – oder von seinen Anfängen – erzählt. Man glaubt, sie zu hören, man horcht, sie verflüchtigt sich im entscheidenden Moment, und doch: Da ist etwas, das aus der Zukunft flüstert und von der Vergangenheit träumt.

Sonia Kacem wurde 1985 in Genf geboren und lebt und arbeitet heute in Amsterdam. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Kunsthalle St. Gallen, im Centre Culturel Suisse in Paris oder im Centre d’Art Contemporain in Genf ausgestellt. Kacems nächste Einzelausstellung wird ab dem 19. Oktober 2019 im Westfälischen Kunstverein Münster zu sehen sein. Das Objekt Carcasse befindet sich in der Galerie Gregor Staiger in Zürich.

Gesa Schneider leitet seit 2013 das Literaturhaus Zürich. Dieses veranstaltet pro Jahr über 100 Lesungen, Diskussionen oder Workshops und feiert 2019 sein 20-Jahre-­Jubiläum. Zuvor verantwortete Schneider als Projektleiterin bei Martin Heller und Heller Enterprises von 2006 bis 2013 Ausstellungen und Kunstprojekte an den Schnittstellen von Kultur, Wirtschaft und Urbanismus. Gesa Schneider ist Literaturwissenschaftlerin und promovierte zu Kafka und Fotografie.