Kuratiert von Friederike Rass

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Autorin: Friederike Rass
Freitag, 10. Dezember 2021

«Mona Lisa» ist eines von zwölf Rotlicht-Gemälden aus der Serie «Momente einer Berührtheit» (1991) von Oliver Hertel. Die Einkünfte aus dem Verkauf der Drucke spendet der Künstler an Einrichtungen, die Frauen in schwierigen Lebenssituationen unterstützen. Eine Versteigerung der Originale steht noch aus. Bild: Oliver Hertel

Licht und Liebe: Dieses Bild begleitet mich seit über zehn Jahren und es berührt mich immer wieder aufs neue. Der Künstler Oliver Hertel hat die Gabe, im Schatten das Licht zu sehen – und zu zeigen.

Das Werk ist mir begegnet, als ich noch als Studentin ein Praktikum in der Kirchengemeinde im turbulenten Sankt Pauli in Hamburg machen durfte. Ich hatte damals einen Nebenjob in einem Drogenkonsumraum im Quartier und das Geld gespart, um davon einen Druck kaufen zu können.

Es ist Teil einer Serie, die Frauen der Herbertstrasse auf Sankt Pauli zeigt. Die Strasse in Hamburg ist berühmt dafür, dass nur Männer sie betreten dürfen. Es sitzen dort die schönsten Frauen des Metiers in numerierten Fenstern und werden für den Abend zum käuflichen Objekt.

Oliver Hertel kehrt diese Logik hinter der Realität eines harten Geschäfts um: In seiner Serie «Momente einer Berührtheit» zeigt er die Frauen der Herbertstrasse als Subjekt ihrer selbst, anstatt sie zum Objekt zu machen. Freier treten in den Bildern, wenn überhaupt, nur ganz verwischt und schemenhaft in Erscheinung. Es stehen die Frauen als Personen mit all ihren Facetten im Zentrum: Sie unterhalten sich, rauchen, spielen mit einem Hund oder lesen ein Buch – wenn auch nur in Unterwäsche, oder sichtlich in einer kurzen Pause vor dem nächsten Freier. Der Kontext bleibt präsent, nichts wird romantisiert.

Es ist ein hartes Geschäft, das viel kostet: Diese Spannung zwischen Objektivierung und Autonomie macht die ganze Reihe für mich so stark.

Das hier gezeigte Bild der Reihe, das mich besonders berührt hat, trägt den Titel «Mona Lisa»: Anders als in den anderen Bildern sitzt diese Frau einfach nur da, allein. Es scheint fast, sie thront in ihrem Fenster: Dargestellt ist sie in sakralem Blau und Weiss. Ihr Haar, das im hellen Licht wie ein blonder Heiligenschein strahlt, verstärkt den Eindruck noch. Sie strahlt eine Unantastbarkeit und Würde aus, die mit dem Kontext brechen und genau darin völlig unangreifbar erscheinen.

Die gesamte Bilderserie besitzt eine eindrückliche Wärme und strahlt eine ungebrochene Liebe zu den Menschen aus. Sie zeigt für mich die Stärke und Macht, die unsere Perspektive auf uns selbst und unsere Mitmenschen in sich trägt: Wenn wir uns selbst und unserem Gegenüber mit Liebe begegnen, liegen darin eine Stärke und ein Schutz, die auch widrigste Umstände – zumindest für diesen Moment – ausser Kraft setzen können. So kann unsere Verletzlichkeit zugleich unsere grösste Gabe sein : der Würde, die jeder Person eigen ist, gerecht zu werden und unsere Welt so in einem ganz anderen Licht erscheinen zu lassen. Im Christentum steht hierfür das Weihnachtsgeschehen: Vielleicht darum heisst die unbekannte Frau in diesem Bild für mich seit je Maria.

Friederike Rass hat über die Frage nach Wahrheit unter philosophischer und theologischer Perspektive promoviert. Sie ist Geschäftsführerin der Stiftung der Evangelischen Gesellschaft des Kantons Zürich, die sich für gemeinnützige Projekte im Bereich Bildung und Diakonie einsetzt. Im Februar 2022 wird sie ihre neue Stelle als Gesamtleiterin der Stiftung Sozialwerk Pfarrer Sieber in Zürich antreten.

  • Nr. 11+12/2021

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